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K. K. FACHSCHULE HAIDA
Vertrieb: Joh. Oertel & Co., Haida (Böhmen)
GLASER MIT EMAIL-MALEREI
zufassen. Der verdienstvolle Leiter der K. K.
Fachschule von Haida, Direktor Strehblow,
hat an seiner Anstalt ansehnliche Kollektionen
in den drei alten Techniken geschaffen,
die für die Glasveredlung seit jeher die weitaus
wichtigsten sind, nämlich für die Emailmalerei
, für den Schliff und für den Schnitt,
und die Haidaer Firma Joh. Oertel & Co.
wurde geradezu staatlich subventioniert, um
den kommerziellen Vertrieb dieser Gläser in
die Hand nehmen zu können. Vorläufig geschieht
dies nur in bescheidenem Maße, und
die Preise sind noch recht hoch. Aber es ist
gar kein Zweifel, daß dieser Schritt nicht ohne
Einfluß auf die zahlreichen Glasraffinerien zunächst
von Nordböhmen, dann vielleicht auch
in anderen Gegenden, sein wird.
Die beigefügten Abbildungen, die leider der
Farbe entbehren, geben von den jüngsten Bestrebungen
der Haidaer Fachschule nur eine
ungefähre Vorstellung. Die Emailmalerei hat
sich endgültig aus der Umklammerung der
naheliegenden Archaismen ebenso befreit, wie
von den merkwürdigen Phantasien eines Max
Rade, verdrängt immer mehr den botanischen
Naturalismus, der namentlich bei Blumenvasen
wenig glücklich ist, und bevorzugt mit Recht
geometrische Musterungen, die die Linien der
Zweck- und Kunstform begleiten und beleben
(Abb. S. 570). Ein besonderer Vorzug muß auch
darin erblickt werden, daß die hauptsächlich
von Bayern aus beliebte Biedermeierei, die in
Aeußerlichkeiten zu erstarren drohte und den
Blick vom Hoffnungsvollen ablenkt, hier nicht
einmal anklingt.
Noch viel wichtiger ist eine Erneuerung der
Schmuckprinzipien imSchliff odergarim Schnitt,
also bei jenen Verfahren, die noch nicht einmal
eine Verbesserung des alten unvollkommenen
Handwerkszeugs durchzusetzen vermochten
. Zwar ist der „Steinelschliff" vor ungefähr
einem Jahrzehnt auch mit einer Neuerung
gekommen, aber die geschliffenen Netzbilder
bieten weit mehr technisch-optisches als ästhetisches
Interesse, ja die an Straminstickereien
erinnernden Arbeiten wären vielleicht, wenn
sie billiger gewesen wären, gefährlich geworden
, da die Glasdekoration ihre Aufmerksamkeit
der körperlichen und weniger der Flächenkunst
zugewendet hätte. Die Haidaer Fachschule ist
in ihren Schliffobjekten zunächst nicht gerade
sehr radikal. Analysiert man die zum Teile
überraschende Wirkung einzelner Stücke, so
besteht die Neuerung in einer Dimensionsänderung
der viel größeren und viel tieferen Kugel-
schlifflächen. Aber gerade derartige, anscheinende
Kleinigkeiten sind von der allergrößten
Bedeutung. War es in der Beleuchtungsbranche
doch nicht anders, als das Wiener Kunstgewerbe
die Kristallglasprismen fast genau so, wie sie
schon die Empirezeit kannte, beibehielt, jedoch
nur in der Dimension verlängerte und etwas
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