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Sphäre an, sondern ähnlich wie Cezanne bringt
er das Licht auf seine einfachste Formel,
durch deren Abwandlung er die spezifische
Geistigkeit seiner Darstellung gewinnt. Vielleicht
liegt hierin die geschichtliche und prinzipielle
Bedeutung der Herterichschen Kunst.
Das Gemälde liegt in zwei Fassungen vor,
von der die eine in Stuttgart von der Staatsgalerie
erworben wurde (Abb. S. 69). Das
Münchener Bild (Abb. geg. S. 49) hat meines
Erachtens den Vorzug, daß die Gruppe, hell
gegen dunkel gestellt, in einer in sich geschlosseneren
monumentaleren Form auch den ganzen
Bildcharakter bestimmt und gegenüber
manchen panoramatischen Tendenzen des Gegenstücks
den transzendentalen Grundgedanken
viel mächtiger und packender hervortreten
läßt. Es gibt übrigens Skizzen, die
das langsame Wachstum der ganzen Komposition
bis ins Einzelne verfolgen lassen. Doch
diese Naturstudien dienten Herterich nicht
wie so vielen zur Bildvorlage, er macht aus
seinen Studien keine Bilder, sondern seine
Einzelstudien dienen nur dem gewissermaßen
programmatisch feststehenden Bildgedanken.
Deshalb dienen ihm wie den alten deutschen
Meistern die Naturstudien zunächst zur Bereicherung
des sinnlichen Vorstellungsbesitzes,
der dann frei nach der Bildnotwendigkeit in
einem einfachsten logischen Aufbau die Komposition
sich erarbeitet. In dieser gedächtnismäßigen
Verarbeitung der Naturstudien auf
Grund eines kindlich einfachen aber klar, groß
und schlicht denkenden sinnlichen Bewußtseins
liegt die Stärke und die künstlerische
Bedeutung der Herterichschen Bilder überhaupt
. Er ist von dem Artistentum der „Könner"
ebensoweit entfernt wie von der frei aus der
Vorstellung konzipierenden jüngsten Generation
. Es kann nicht schaden, wenn sie von
den Prinzipien dieses Mannes zu lernen versucht
, der mit solcher künstlerischen Selbstzucht
und doch auf eigenen Pfaden dem ihr
selbst vorschwebendem Ziele zustrebt.
PERSONALNACHRIGHTEN
MÜNCHEN. Am 23. September ist hier im Alter
von 61 Jahren der Maler Professor julius
Adam gestorben. Einer alten Münchner Künstlerfamilie
entstammend, in der die Tiermalerei von
jeher zu Hause war, verdankte auch er der Tätigkeit
auf diesem Spezialgebiet, und zwar der Katzenmalerei
, einen weit über die Grenzen Deutschlands
hinausgehenden Ruf. Nie war vor ihm dieses Stoffgebiet
mit gleichem Erfolg, aber auch in größerer
künstlerischer Qualität von einem Künstler gepflegt
worden. Nicht nur die absolute Naturtreue,
sondern auch die in der Schule von Wilhelm
Diez erlernte außerordentliche Tonschönheit seiner
PROF. JULIUS ADAM, f 23. September
Phot. Deisz, München
Bilder sind es,
die Adam zu einem
der besten
lebenden Tiermaler
gemacht
haben; und auch
die große Liebenswürdigkeit
,
die den Künstler
auszeichnete,
spricht aus diesen
unübertrefflichen
Schilderungen
. Außer
den Katzenbildern
sind von
Adam auch einige
Genrebilder
, die er in
früheren Jahren
gemalt hat, in
weiteren Kreisen
bekannt geworden
, so „Mittelalterlicher
Maitanz", „Märchenerzählerin
",
„Der getreue Eckart", „Der bezwungene Herkules
", „Kinder beim Beerensuchen".
WEIMAR. An Stelle von Prof. Albin Egger-Lienz,
der schon vor einigen Monaten den Abschied
genommen hat, um wieder in seiner Heimat schaffen
zu können, ist Prof. robert weise an den Lehrkörper
der Hochschule für bildende Kunst berufen worden
. Außerdem wirkt seit 1. Oktober an der Hochschule
der Bildhauer Prof. richard Engelmann.
DAS PROJEKT DES MÜNCHNER
GALERIENEUBAUS
Es verlautet, daß dem bayerischen Landtag seitens
des Kultusministeriums ein Entwurf zum
Neubau eines Kunstsammlungsgebäudes in München
zugehen wird, das an der Prinzregentenstraße
, gegenüber dem K. Nationalmuseum, erstehen
soll. Die Pläne des Neubaus stammen
von Professor emanuel von Seidl. Das Kunstsammlungsgebäude
soll umschließen das K. Münzkabinett
, die K. Graphische Sammlung (bisher im
Erdgeschoß der Alten Pinakothek) und eine Moderne
Galerie, die als Entlastung der K. Neuen
Pinakothek gedacht ist. Daß diese Entlastung vordringlich
und unaufschiebbar ist, wenn München
seinen Ruf als hervorragende Pflegestätte zeitgenössischer
Kunst bewahren will, kann keinem Kunstfreund
zweifelhaft scheinen. Ueberdies ist die Neue
Pinakothek Besitz der Kgl. Familie, während die
seit 1886 regelmäßig in die Sammlung geleiteten
künstlerischen Neuerwerbungen Staatsgut sind. In
welcher Weise der Besitzstand, bzw. der jetzt in
der Neuen Pinakothek vereinigte Gemäldekomplex
geteilt werden soll, ist noch nicht entschieden. Auf
alle Fälle dürfte es sich empfehlen, den Gemäldeschatz
, der gegenwärtig mehr als 1000 Kunstwerke
umschließt, gründlich zu sieben und nur das Allerbeste
in die geplante Moderne Galerie zu übernehmen
. Der von Dr. Braune zusammengebrachte
und arrangierte Leibl-Courbet-Saal der Neuen Pinakothek
gibt ja einen Fingerzeig, nach welcher
Seite hin die Möglichkeiten dieser Modernen Galerie
sich bewegen können.
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