Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 29. Band.1914
Seite: 99
(PDF, 175 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_29_1914/0139
Solche Briefe schlugen die Brücke zu den
Bildern van Goghs, die zuerst durch die
Heftigkeit des Vortrags ihre Verzerrungen
hatten befremden müssen.

So wie aus den Briefen spricht sein Menschentum
ergreifend aus jedem Bild. In den
Bildern der Frühzeit bekundet sich sein Mitgefühl
mit den Armen und Beladenen, durch
das Betonen der sozialen Note, später, als er
sich über die Erde und ihre Miseren im ikari-
schen Flug seiner Farbenträume erhebt, wird
ihm irgend ein Naturausschnitt, ein Stück
Acker, eine Zypresse (Abb. unten), eine Blume
zum Abbild der zerrissenen, sich krümmenden,
immer wieder aufwärts zum Licht strebenden
Menschenseele.

Aber in welchen Zwiespalt mit der Welt
muß ein solch organisierter Künstler kommen:
zur selben Zeit, da er keine größere Freude
kennt, als seine Bilder an die wenigen Gleichgesinnten
zu verschenken, da er mit seiner
„Berceuse" eine Matrosenkneipe schmücken
will, schreibt er seinem Bruder Theo, dessen
nie versiegender Hilfe er, solange er malte,

seinen Unterhalt verdankte: «Je te rendrai
l'argent, ou je rendrai l'äme». Er bezahlte
mit dem Leben. Und wie ein Siegel darauf
steht das Wort, das er zuletzt sprach, als er
sich eine Kugel in den Leib geschossen hatte.
„Die Traurigkeit würde immer dauern", sagte
er kopfschüttelnd zu denen, die ihm durch
Aussicht auf Heilung wieder Lebensmut einzuflößen
suchten. Wie mischen sich in diesem
Ausspruch der Ekel an der Welt, die ihn zurückstieß
, das Bewußtsein, mit seiner Leistung
an die Grenze der Möglichkeiten gelangt zu
sein, die Enttäuschung schließlich, auch mit
der Kunst nicht zum Menschen gefunden zu
haben.

f

In van Goghs künstlerischer Entwicklung
lassen sich leicht drei Perioden abgrenzen:
die Zeit der langsamen Vorbereitung in Holland
1881 bis Nov. 1885, der Aufenthalt in Paris
Ende 1885 bis Febr. 1888, d. h. die Aufrüttelung
aller Energien, die Erkenntnis des Wegs, den
er einzuschlagen hat, die Aneignung derjenigen
technischen Hilfsmittel, die seinen malerischen

s /t f '•

VINCENT VAN GOGH

LANDSCHAFT MIT ZYPRESSE

99

i.v


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_29_1914/0139