Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 29. Band.1914
Seite: 109
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VINCENT VAN GOGH

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NACHTCAFE

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Gerade die Selbstherrlichkeit des Temperaments,
wie sie in dieser Formel impliziert ist, entsprach
van Gogh. Er hat versucht, sogar die Sonne
durch sein Temperament hindurch zu sehen.

Auch sein Hang zur Mystik trägt ihn über
den Naturalismus empor. In seinen Briefen
spintisiert er viel über biblische Malerei. Zwar
betet er, wie er sagt, nur das Wahre, Mögliche
an, aber in seiner Ekstase sieht er Wunder in
allem, was ihm in der Natur begegnet. Als Protestant
weist er Legendenbilder von sich, aber
er traut sich zu, Heiligengestalten, Männer und
Frauen, nach der Natur zu malen: „Es wären
Menschen von heute gewesen und hätten doch
etwas von den ersten Christen gehabt." Eine
ähnliche religiöse Ergriffenheit wirkt in ihm
wie in Millet.

Nie hat van Gogh aus der Phantasie allein
herausschaffen können, trotzdem ihn Gauguin
gerade in diese Richtung drängen wollte. Er
kann nicht ohne Modell arbeiten, aber er läßt
es gleichsam nach seiner Pfeife tanzen. „Ich
übertreibe wohl mal", schreibt er, „oder ändere
am Motiv, aber ich erfinde nie das ganze Bild,

im Gegenteil, ich finde es sogar fertig vor und
brauche es nur aus der Natur herauszuschälen."

Aber er geht dabei auf seine eigenste Weise
vor. Er konturiert mit abkürzenden energischen
Linien, wuchtig oft wie die Bleifassungen in
den Kirchenfenstern, und Linien züngeln im
Bilde wie Flammen oder laufen bündelweise
miteinander, Träger des stärksten Ausdrucks.
Aber doch wirkt ein van Goghsches Bild hauptsächlich
durch seine Farben. Immer mehr
kommt er im Verlauf seiner Entwicklung zu
synthetisch angewandten, flach hingesetzten
klaren Farben. Nicht die Nuance, den Tonwert
heischt er, — die Farbe. Valeur bedeutet für
ihn Verschleppung, Versickerung, die Farbe
allein schöpferische Kraft. „Unmöglich Valeurs
und Farben gleiche Bedeutung zu geben. Man
kann nicht gleichzeitig am Pol und am Aequa-
tor sein." Dementsprechend seine Malweise:
wie andere, um ihre Vision nicht abzuschwächen
, mit der Spachtel malen, so drückt er,
wie er einmal beschreibt, Wurzeln und Stämme
direkt aus der Tube heraus und modelliert sie
dann nur ein wenig mit dem Pinsel.

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