Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 29. Band.1914
Seite: 166
(PDF, 175 MB)
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ALBERT WELT!

NEUJAHRSKARTE „DAS KUNSTGERICHT" (RADIERUNG)

nehmlichkeiten, besonders für ihn; denn so
wehrlos war wohl selten einer wie er gegen
die Ansprüche anderer.

„So ist der Albert schon," seufzte die Frau;
„aus lauter Rücksichten ist er zusammengesetzt
gegen andre. Wenn einer im Wirtshaus über
sein böses Weib schimpft, so schimpft er gewiß
aus purer Höflichkeit auch über mich, bloß
damit er nicht besser dasteht als der. Jedesmal
, wenn er mir ein Veilchensträußerl heimbringt
, da weiß ich's, aha, jetzt hat ihm s' Gewissen
geschlagen, jetzt hat er räsonniert gehabt
über mich."

In der Tat war's ihm eine große Verlegenheit
, wenn er was zustand brachte, was ein
anderer vor ihm nicht gekonnt, und als er einmal
unbedacht eine umgestürzte Droschke mit
einem Ruck aufgerichtet, an der ich vergeblich
gezogen, da entschuldigte er sich sofort und
machte sich so klein als nur möglich; da könne
er nichts dafür, er sei's halt von daheim gewöhnt
aus ihrem Fuhrmannsgeschäft, und da
sei es gewiß keine Kunst.

Einst hatten sie sich zu Pfingsten ganz besonders
gefreut aufs Gebirge hinaus. Aber als
ich Welti acht Tage drauf nach dem Ausfluge
fragte, da verdüsterte er sich. „Nix ist's geworden
," grollte er, „der H. ist dahergekommen
, der Chaib, im letzten Augenblick noch,
kurz vor wir abfahren wollten, und da haben
wir alle drei mit ihm nach Altötting wallfahren
müssen!" Aber da gingen seine Brauen auch
schon wieder hoch, und sein Antlitz erheiterte
sich. „No ja, er ist halt ein Tyrann, der H.,

von Natur, und schön war's schließlich auch
in Altötting."

Einmal, da hab ich ihn bitter gekränkt: ich
hatte im „Kunstwart" seine Sachen auf der
Jahresausstellung herausgestrichen, die Bilder
eines Freundes aber, seines Freundes S., die
nicht weit davon hingen, „heruntergerissen".
„Jetzt, was macht der Weber auch," klagte er
in tödlicher Verlegenheit; „wie kann ich mich
da überhaupt noch sehen lassen vor dem S."
Und lange noch drückte er sich hinter dem
Freunde herum.

Ueberhaupt, meine kritische Ader, die zu der
Zeit ziemlich heftig sprudelte, betrachtete er
seinerseits mit Kritik. Es war in den ersten
Jahren unserer Bekanntschaft. Wir saßen am
Abend allein in der „Torggelstube" einander
gegenüber. Er schwieg lange gegen seine Gewohnheit
, nahm aber den Wein in beträchtlichen
Schlucken zu sich. Und plötzlich erhob
er die Rechte und schwenkte drohend den
dicken Zeigefinger vor mir. „Sie, Sie," rief
er vorwurfsvoll, „Sie sind ein scharfer Haggel,
Sie!" Damit war aber auch die schwierige
Angelegenheit in erschöpfender Weise für ihn
erledigt; vergnügt erhob er sofort sein Glas
und stieß mit mir an: „Prosit, Herr Weber!"

Wie er in Stunden der Bitterkeit den Auswüchsen
der Alltagskritik gegenüber empfand,
zeigt mit grotesker Deutlichkeit das pöbelhafte
„Kunstgericht" auf „hohem Roß" (Abb. S. 166).

Zu lügen war ihm nicht gegeben. Die harmlosen
Versuche, zu denen er sich dem allgemeinen
Brauche gemäß aufraffte, pflegten ganz

I

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