http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_29_1914/0255
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form in die Erscheinung. Das Doppelporträt
der „Kaiserstühler" (1912) und der „Bauer
mit Kuh" (1913) sprechen dies ebenso deutlich
aus, wie das Porträt „Frau B." vom
Jahre 1910.
Auch maltechnisch geht Bühler seinen eigenen
Weg. Er hat sich schon in den ersten
selbständigen Schaffensjahren eine eigene
Temperatechnik ausprobiert, an der er noch
heute festhält. Er trägt die ungemischten
Temperafarben mit schmalem Spachtel auf die
Bildfläche, indem er Fleckchen neben Fleckchen
setzt. Dadurch erreicht er eine seltene Reinheit,
Leuchtkraft und Frische der malerischen Wirkung
bei aller stofflichen Differenzierung. Eine
Veränderung der farbigen Klänge ist damit
auch ausgeschlossen. —
Ein auf die Darstellung der vereinfachten
realen Erscheinungsformen und der in ihnen
liegenden seelischen Ausdrucksmöglichkeiten
gerichteter Sinn hat ohne weiteres plastische
Formkräfte. Es wäre zu verwundern, wenn
Bühler sich nicht als Plastiker aussprechen
könnte. Man empfindet deshalb seine beiden
bis jetzt bekannt gewordenen Plastiken als
Notwendigkeiten seines Schaffens. Aus dem
Jahr 1910 stammt die Bismarckstatue, die — zu
Billings Konkurrenz — als Wettbewerb für die
Elisenhöhe bei Bingen gedacht war. Stärker und
fertiger ist die „Pietä" (entst. 1913, Abb. S. 197),
deren Block etwas von Michelangelos „Terri-
bilitä" (Furchtbarkeit) im seelischen Ausdruck,
in der Vielfältigkeit der Bewegungsmotive und
in der Einfachheit des Umrisses an sich hat.
Solcher „Erbärmdebilder" schuf die deutsche
Plastik, als die „Normen" der aufgehenden
humanistisch-heidnischen Abklärung der Renaissance
, die unseren national-künstlerischen
Charakter verdarb, noch von der Mystik und
Glaubensinbrunst der absterbenden Gotik bestrahlt
wurden. Es ist angemessen
, heute an ähnliche
kulturelle Wandlungen zu
denken. Von diesem Punkte
aus bekämen die Werke
Bühlers ein neues Gesichtsfeld
.
Das poetisierende Element
, das in Bühler vorhanden
ist und im Laufe der
letzten Schaffensjahre durch
die Monumentalaufgaben in
den Hintergrund gedrängt
worden war, wendet sich
neuerdingsdemihm gemäßeren
Betätigungsfeld der Graphik
zu. Eine Folge von
graphischen Blättern wird im
„Nachtigallenlied" die früher
schon von Bühler geübte
Griffelkunst pflegen und eine
feinsinnige und reizvolle Ergänzung
der Monumentalmalerei
bilden.
GEDANKEN ÜBER KUNST ,
Das echte Kunstwerk bedarf
keiner Vermittlung. Es spricht 1
oder schweigt, je nach der Natur i
des Beschauers. Anselm Feuerbach l
Dem Auge das Aeußerste i
zeigen, heißt der Phantasie die i
Flügel binden. Lessing (
Die heutigen Laien in der
Kunst verderben sich selbst die ,
Freude daran, weil sie glauben, j
Kritik üben zu müssen, anstatt
) sich dem Genuß des Schönen
j H.A. BÜHLER WOTAN (1913) hinzugeben. E.I.Hähnel
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