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da der Meister, dessen Leben und Schaffen er zu
berichten versuchte, noch lebt und schafft, fruchtbarer
als je und daß er, solange seine Hand den
Pinsel hält, auch zu neuen Zielen weiterstreben
wird".
Hancke ist selbst bildender Künstler, steht mitten
in der modernen Kunstbewegung und hat seit zwei
Jahrzehnten das Schaffen Liebermanns aus nächster
Nähe verfolgen können, was seinen Ausführungen
natürlich besonderes Gewicht gibt. Um so mehr,
als er nicht bloß aus dem Handwerk heraus urteilt
und analysiert, was den besonderen Reiz,
aber auch die Einseitigkeit fast aller Schriften ausmacht
, die wir von Künstlern über Künstler haben,
sondern daß er ein umfassender und wissenschaftlicher
Geist ist, der vor allem auch Zusammenhänge
zu überblicken imstande ist und über das
Verhältnis des einzelnen zum Ganzen sich Rechenschaft
abzulegen vermag. So gibt er in seinem
Buche nicht nur die Geschichte einer einzelnen
Künstlerpersönlichkeit, sondern in der Grundierung
des Bildes zugleich auch die Geschichte des deutschen
Impressionismus überhaupt. Bewundernswert
ist dabei die Präzision des Ausdrucks, nirgendswo
findet man eine der heute so beliebten und
gehäuften Phrasen, überall wird das Wesen der
Sache mit den genauest bezeichnenden Worten und
Sätzen vermittelt.
Im biographischen Teil seines Buches schildert
der Verfasser sehr eingehend jede einzelne Entwicklungsphase
Liebermanns. Er zeigt, welchen
Einfluß sein erster Lehrer Steffeck auf ihn ausübte
, was ihm Pauwels in Weimar gab und insbesondere
, was er bei Munkäcsy in Paris und von
Israels lernte, betont aber sehr richtig und stark,
daß der Künstler, der auch heute noch keiner Anregung
sich verschließt, dies nie und nimmer getan
hat, noch tut, „um sich die Vorzüge seiner
Vorbilder anzueignen, sondern nur, um von den
eigenen Mängeln sich zu befreien". „Selbständiger
ging er aus jeder Lehre hervor", sagt Hancke irgendwo
und charakterisiert damit sehr fein das
Spezifische von Liebermanns Werden. Denn nicht
so sehr das eigentlich Schöpferische in dem Künstler
ist es, was bei ihm ins Gewicht fällt, als vielmehr
jener enorme Wille und hohe Intellekt, die ihm innewohnen
und durch die er all das erreicht hat, was
wir heute an ihm so sehr bewundern und was ihn
zum unumstrittenen Führer des deutschen Impressionismus
gemacht hat.
In der Vervollständigung des Verzeichnisses
der Liebermannschen Werke geht der Verfasser
weit über das hinaus, was Pauli geboten hat, und so
wird auch hier kaum mehr viel nachzutragen sein.
M. K. Rohe
Kovalensky, Marie. Valentin Seroff. Sa Vie
et son CEuvre. Brüssel, G. van Oest & Cie.
Valentin Seroff ist im November 1911 auf italienischer
Erde gestorben. Im europäischen Westen
hat man nur einen ganz geringen Bruchteil seiner
Arbeiten zu Gesicht bekommen, und das Publikum
weiß fast nichts von diesem Maler, der sich seinen
Impressionismus selber erfand, ein großer Porträtist
und meisterhafter Darsteller seiner russischen
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