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H. HAHN
GRABMAL (1913)
ALFRED LIGHTWARKS ERBE
Hamburg ist die Stadt der Potenzen. Vielleicht
nirgend so wie hier besteht das Bedürfnis nach
führenden Persönlichkeiten. In der Kunst sowohl
wie auf allen anderen Gebieten des öffentlichen
Lebens. Weil die Ansprüche zu groß sind, als
daß jeder in allen Stücken eine gleiche Beschlagenheit
zu erreichen vermöchte, hat sich unausgesprochen
ein lebhaftes Bedürfnis eingebürgert
nach Führern, auf die in allen, ihr Spezialgebiet
berührenden Fragen ein unbedingtes Verlassen
ist. Und da die Fähigkeit zum Mitsprechen in
Kunstfragen nun einmal zu den Erfordernissen
gehört, deren Erfüllung heute von den Kulturmenschen
verlangt wird, ist ein Mann, der an sich
glauben zu machen vermag, gerade an dieser Stelle
ganz unentbehrlich.
Lichtwark hat das erkannt und er hat darnach
von vornherein sein Verhalten eingerichtet. Er
begann damit, der bis dahin in nur schwachen
Umrissen bestandenen Vorstellung von dem Vorhandensein
einer hochentwickelten althamburgischen
Lokalkunst an Hand der Werke von Franke, Bertram
, Mathias Scheits, Runge u. a. die er mit einem
beispiellosen Sammlerfleiße zusammentrug, eine
sichere Unterlage zu gewinnen. Mit starker Hand
führte er den nunmehr in eine bestimmte Richtlinie
eingeordneten Bau durch Anlage einer Galerie
Hamburger Bildnisse und Hamburger Landschaftsbilder
weiter. Ein folgender Schritt führte zur
Sicherung der Führerschaft der Kunsthalle auf dem
bisher brach gelegenen Gebiet der künstlerischen
Medaille und Plakette, wozu sich endlich und
schließlich gesellte, daß Lichtwark, was er als
Sammler begonnen, in einer erstaunlich großen
Anzahl inhalt- und gedankenreicher Gelegenheitsschriften
und Buchveröffentlichungen in populärer
Weise auch den breiten Leserkreisen nahe zu bringen
verstanden hat. Das waren Taten von unanfechtbarem
Wert, und damit waren die Bedingungen
gegeben, zur Erlangung eines stärksten Einflusses,
der in der Vaterstadt Lichtwarks im Laufe der
Zeit solche Formen annahm, daß selbst private
Sammler, die früher nur gekauft, was ihnen gefallen
, und Kunstfreunde, die sich nur von solchen
Künstlern hatten porträtieren lassen, die ihren Beifall
gehabt, dieses Zutrauen zu ihrer eigenen Urteilsfähigkeit
völlig einbüßten und nur mehr kauften
, was Lichtwark zu kaufen anriet, auch wenn
es ihnen nicht gefiel, beziehungsweise die sich nur
von solchen Künstlern malen ließen, die Lichtwark
empfohlen hatte, auch wenn sie selbst zu deren Art
keinerlei Vertrauen hatten.
Lichtwark hätte nicht der scharfblickende Beobachter
und Erzieher sein müssen, der er in
hohem Maße war, um diesen Zustand nicht als
Einbuße zu empfinden. Und so kehrten, namentlich
,in der Anfangszeit seiner Amtsführung, Worte
der Sehnsucht nach einer an seinem Werke fruchtbar
mitarbeitenden Kritik in seinen Vorträgen zu
öfteren Malen wieder, ebenso wie Mahnungen an
Sammler und Künstler, in ihren Werken vor allem
auf die Betonung ihrer Eigenart bedacht zu sein.
Doch wie das bei Zuständen nicht selten ist, die
aus dem Verhältnis des bloß Ausnahmsweisen allmählich
in das der Gewohnheit übergehen, nämlich
daß sie den Anschein von Gesetzmäßigkeit erlangen,
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