Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 29. Band.1914
Seite: 326
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I

1

des Achill überstrahlte der Name seines Sängers
, des unsterblichen Homer.

So mehren sich die Möglichkeiten des Nachruhmes
. Der Geschichtsschreiber bindet seinen
Namen an den seines Helden, der Künstler
bleibt lebendig mit dem Herrscher, dessen
Bild er geschaffen, der Baumeister mit dem
Tempel seines Gottes und der Weise mit den
neuen Möglichkeiten, die sein Werk dem
Denken der Menschen erschlossen. Der
Herrscher und der Staatsmann, der Dichter
und der Denker, der Künstler endlich, sie alle
erheben Anspruch darauf, daß ihr Name dem
Buche der Menschheitsgeschichte eingeschrieben
werde. Ganze Berufsklassen fühlen
sich zur Unsterblichkeit bestimmt. Längst gestorbenen
Fürsten werden Denkmäler gesetzt,
aus keinem anderen Grunde, als weil sie auch
einmal lebten und zur Ahnenreihe eines
Herrscherhauses gehören. Längst vergessene
Künstlernamen werden aus staubigen Akten
ermittelt, und die Geschichte der Künste und
Wissenschaften registriert sorgsam die Namen
einstiger Größen.

Selten aber überlegt man, wohin das alles
führen soll. Das 18. Jahrhundert erfand die
Real-Enzyklopädien, die heute Konversationslexika
heißen, das 19. Jahrhundert die biographischen
Handbücher, in denen der Reihe des
Alphabetes folgend, Tausenden von Menschen
die Unsterblichkeit garantiert wird. Und
mußte man für die Vergangenheit die Namen
suchen, die man brauchte, so meldeten sich
die Lebenden selbst in hellen Haufen. Ein
Künstler-Lexikon allein ist heute zu einem
ungeheuerlichen Unternehmen geworden. Und
in wenigen Generationen muß es zur Unmöglichkeit
werden, wenn nicht ein neues Prinzip
der Auswahl gesetzt wird.

Frühere Geschlechter suchten nicht, Unsterblichkeit
so billig zu erkaufen, sie dachten
nicht der Zukunft in dem Sinne, daß sie
jeder historischen Neugierde vorarbeiteten.
Aus den Steuerbüchern, die für den Gebrauch
des Tages bestimmt waren, müssen nachträglich
Namen und Lebensdaten großer Männer
zusammengesucht werden. Heut denkt man
zu viel und an nichts fast, als an die Zukunft.
Es wird ihr ein Material von einer Ungeheuerlichkeit
der Ausdehnung überliefert, die jeder
einheitlichen Durchdringung spotten muß.

Die Bibliotheken steilen Berechnungen auf,
wie ihre Gebäude anwachsen müssen, um der
stets sich mehrenden Produktion Schritt zu
halten. Man sucht nach Mitteln, die jährlich
steigende Flut der Druckschriften einzudämmen
. Das Mittel wird nicht gefunden werden,
weil der Lesehunger immer mehr nach Sättigung
verlangt. Aber man wird sich entschließen
müssen, wieder vom Tage verschlingen zu
lassen, was für den Tag geschaffen war. Die
Auslese muß an die Stelle des Prinzipes der
Vollständigkeit treten. Man muß dazu gelangen
.

von zwei Uebeln das kleinere zu wählen

und mit hundert wertlosen Dingen auch ein
wertvolles der Vergessenheit preiszugeben.

In Frankreich besteht die Vorschrift, daß
jedes graphische Kunstwerk, das vor Nachdruck
geschützt sein will, in einem Exemplar
der Nationalbibliothek eingereicht werden
muß. So fahren Wagenladungen von Papier
in jedem Jahre durch die Tore. Aber weil
man alles hat, hat man nichts. Es fehlt an
Mitteln, diese Massen museumstechnisch zu
bewältigen. Der Speicher bleibt unfruchtbar,
bis die Auslese getroffen ist, bis auf einem
großen Scheiterhaufen das Sterbliche der Kunst
in Flammen aufgegangen sein wird, und nur
das Unvergängliche geblieben.

Andere Sammlungen neuerer Kunst müssen
versuchen, stetig selbst diese Auslese zu
treffen. Aber auch ihnen muß Angst werden
vor dem Umfang ihres ständig steigenden Materials
. Jährlich ist ein bestimmter Etat zu
verausgaben. Pflicht ist, die lebende Produktion
zu unterstützen. So haben sich die
Künstler gewöhnt, die Museen als ihre besten
Abnehmer anzusehen. Einflußreiche Wortführer
wissen den erforderlichen Druck auszuüben
, auf daß jedem, der zur Clique gehört
, sein zugemessen Teil werde. Und man
braucht nicht bis in manche entlegene französische
Provinzmuseen zu gehen, um das
gleiche Schauspiel zu erleben, Säle voll mit
riesigen Maschinen, an denen die Augen gleichgültiger
Beschauer stumpf vorübergleiten.

Sollen wirklich kommende Geschlechter es
uns danken, daß wir alle diese Werke sorglich
für sie verwahrten, oder wären sie dankbarer
, hinterließen wir ihnen nicht solche Last,
überließen ihnen selbst die späte Auswahl
und die Bestimmung über das, was würdig
ist, einzugehen in die Unsterblichkeit, die
eine öffentliche Galerie zu verbürgen scheint?
Als vor nicht langer Zeit ein Museum sich
entschloß, einen Teil seiner Bestände auf
dem Wege der Versteigerung zu veräußern,
war viel böses Blut unter den Künstlern,
deren Werke das Urteil traf. Aber es wird
auf die Dauer die einzig mögliche Selbsthilfe
sein, will man nicht alle öffentlichen Gebäude
mit ausrangierten Museumsbildern verunzieren.

Was dem Tage dient, soll mit dem Tage
wieder schwinden. Es ist auch volkswirtschaftlich
höchst bedenklich, Werte aufzustapeln,
die künftiger Produktion im Wege stehen

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