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ULRICH HÜBNER
REEDE VON TRAVEMÜNDE
Sommerausstellung der Münchner Secession
duzierenden neigt nach der Intellektsseite hinüber
; die wenigen stärkeren Instinkte, über
die die Zeit verfügt, stehen als Gegengewicht
auf der anderen. Sie bleiben in der Minderheit,
weil die gesamten Strebungen der Zeit, wenn
auch keineswegs auf eine Unterstützung der
intellektuellen Bildung, so doch auf eine Zersetzung
und Schwächung der individuellen Erlebnisfähigkeit
und damit auf eine Mißleitung
und Verbildung jeden starken Kunstwollens
hinarbeiten. Das Jahrhundert mit all seinen
Strebungen des praktischen wie des intellektuellen
Lebens ist dem Erstehen starker künstlerischer
"Werte direkt entgegengerichtet, weil
esim Grunde — zwischen den Polendesmenschlichen
Wesens hindurch seinen Weg sucht: weder
auf Ausbildung der intellektuellen noch der Erlebnisfähigkeit
ausgeht, und damit jeder Klärung
hier notwendig die stärksten Hemmungen ententgegenstellen
muß.
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MÜNCHNER AUSSTELLUNGEN
Der Münchner Maler und ehemalige Seitzschüler
Professor NAAGER hat in unserer Stadt ein
neues Museum erstehen lassen. Wie bekannt, hat
er nach Uebersiedlung der berühmten Sammlung
des Grafen Schack in die Prinzregentenstraße
deren ehemaliges Heim in der Briennerstraße vom
Deutschen Kaiser erworben und hier sowohl eigene
Arbeiten, wie zahlreiche, von ihm während seines
langjährigen Aufenthaltes in Italien erworbene
Kunstschätze zur Ausstellung gebracht. Damit hat
er die bayerische Hauptstadt um eine interessante
Sehenswürdigkeit bereichert und zugleich wieder
das vom alten Gedon erbaute Palais seiner einstigen
Bestimmung zugeführt, für die es ja auch heute noch
als in jeder Weise brauchbar sich erweist. Die
Räume sind im wesentlichen unverändert geblieben
und bieten eine Reihe des Bemerkenswerten, wenn
auch freilich nicht in so einheitlicher Art, wie das
die alte Schackgalerie getan. Im Eingangsraum
hängt eine Kollektion von 25 Werken des italienischen
Barockmeisters ALESSANDRO MAGNASCO, die erhöhte
Beachtung deshalb finden wird, weil dieser
Genueser Maler erst vor kurzem für die Kunstgeschichte
entdeckt ward und in Zukunft, ähnlich dem
Greco, wohl eine aufmerksamere Wertschätzung wie
bisher finden dürfte. Magnasco ist ein Künstler etwa
in der Art des Salvator Rosa oder Goya, und es unterliegt
keinem Zweifel, daß er, wenn er auch nicht
zur Qualität des Letzteren sich aufschwang, doch
ein origineller und genialer Meister war, der gerade
uns Neueren sehr liegt, da er jeden Zoll breit
ein echter Maler und ein kühner und ausdrucksvoller
Kompositeur war. Alte Meister sind außerdem
noch in den oberen Räumen des Hauses untergebracht
und zwar sind es vor allem Venetianer, die man zu
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