http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_29_1914/0639
Betritt man die Wohnung und das Atelier
van Rysselberghes. in Paris, so überrascht,
gerade an einem grauen Wintertag, all die
Helligkeit, der opalisierende Glanz, der von
Wänden und Staffeleien auf einen eindringt.
Im Salon hängt inmitten von Bildern von
Vuillard, Denis, Bonnard, Cross als Perle ein
Porträt van Rysselberghes, das Bild seiner Gattin
(Abb. geg. S. 529). Die ganze Kleinodienpracht
seiner Palette ist daran verschwendet.
Ein Verschwenden — und doch ein sehr kluges
Gegeneinanderbalancieren von Farben. Das
irisierende Grün im Haar findet sich wieder
im Tisch und im Buch, spielt hier hinüber
ins Blau, dort ins Violett, indessen das reichgemusterte
Kleid vornehm zwischen Tabakbraun
und dem wieder aufgegriffenen Grünblau
oszilliert. Vor allem fällt auf der Kontrast
zwischen dem belebten Hintergrund mit
seinem blau und weißen Traubengehänge, dem
goldbraun hineinschneidenden Rahmen, und
der ruhigen nachdenklichen Haltung der den
Arm aufstützenden Dame. Die alte Atelierweisheit
will, daß sich ein Porträt nachdrücklich
von einem glatten einfarbigen Hintergrund
abhebe. In der impressionistischen, besonders
in der neo-impressionistischen Technik, die
durchweg mit hellen Farben und überall hingesprühten
Lichtreflexen arbeitet, bilden Porträt
und Hintergrund eine farbige Einheit.
Nicht mehr wie früher wird der Mensch aus
der Welt herausgehoben, er gibt sich an sie
hin, soviel er kann, freilich in mehr sinnlicher
als geistiger Hinsicht, aber das Wunder des
Einklangs zwischen dem Menschen und den
Dingen der Umwelt ist doch geschehen. Nicht
ohne tieferen Grund bedeutet im Griechischen
Kosmos zugleich Welt und Schmuck.
Selten ist die französische Bezeichnung
nature morte so wenig angebracht wie bei van
Rysselberghes Stilleben. Bis zu metallischem
Glanz steigert er die Farben von Blättern und
Blüten, nirgends vielleicht wie hier, wo er
am unmittelbarsten, impulsivsten schaffen kann,
gibt er sich in so glühendem Lebensdrang
aus. Er zeigte mir ein Stilleben mit rotschuppigen
, grün und blau schillernden Fischen.
Als ich mich über ihre erstaunliche Frische
wunderte, als seien sie gerade eben aus dem
Meer gezogen, lachte er und sagte: „Kein
Wunder! Die habe ich bei Sonnenaufgang gefischt
, nach dem Frühstück gemalt und zu
Mittag schon aufgegessen."
Aeußert sich van Rysselberghes Begabung
vielleicht am echtesten und reizvollsten in derartig
improvisatorisch heruntergemalten Naturausschnitten
, so bedeuten sie doch für ihn
selbst nur Vorstufen für seine großen figuralen
Kompositionen.
In früheren Jahren hat er bereits für das
Hotel Solvay in Brüssel ein lichtflimmerndes
dekorativesGartenbild gemalt, darin sich Damen
englisch schlank, mit breitkrämpigen Hüten
ergehen. In dem Wechselspiel von horizontalen
und vertikalen Linien, in der Zusammenfassung
der Baumgruppen bekundete sich eine
TH. VAN RYSSELBERGHE STUDIE, KINDERPORTRÄT (1910)
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