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IGNATIUS TASCHNER
HANSEL
Seitlich von den großen Straßenzügen, die
sich am Eingang der Anlage schneiden, sind
noch Zugänge geschaffen worden, die dem Architekten
die Möglichkeit gaben, das alte Irrgang
-Motiv auf eine hübsche Art aufzugreifen.
Es gäbe für dieses Aufgreifen für diejenigen,
die danach fragen, auch eine sachliche Begründung
. Es waren nämlich erhebliche Terrainunterschiede
zu überwinden; die eine der beiden
Straßen liegt über, die andere unter dem
Niveau der Brunnenanlage. So wurden einmal
treppauf, einmal treppab gekreuzte Heckenwege
angelegt, die beherrscht werden von je
einer Riesenherme, die die martialischen Personen
der Märchenwelt, den Menschenfresser,
den grimmigen Rübezahl, die Frau Holle darzustellen
haben. Zu den mannigfachen Reizen
dieses Brunnens kommt so noch eine Erinnerung
an die intimen Heckenräumlichkeiten des
Rokoko — eine delikate und höchst ansprechende
Erinnerung.
Das ist hier allenthalben zu fühlen, wie die
Künstler, die diese herzliche Schönheit schufen,
in ihr Werk und ihre Sache verliebt waren.
Man spürt geradezu, welche Wonnen sie bei
dieser Aufgabe gekostet, welche Freude es jedem
von ihnen, dem Architekten, dem Gärtner
wie den Bildhauern machte, immer Neues,
immer Köstlicheres für Kinderaugen hervorzuzaubern
. Es zeigt sich jene echte Herzensfreude
des Schaffenden, die die Phantasie eines
Richter, eines Slevogt oder des Bilderbuchzeichners
Menzel befeuerte, und ohne die es
weder eine große Kunst, noch eine Kinderkunst
zu geben vermag. Es hat etwas Rührendes,
ergraute Menschen — Hoffmann ist doch schon
ein Sechziger! — so ganz an das Begehren der
Kinder hingegeben zu sehen, und diese wundersame
Menschlichkeit, die sich hier an all
und jedem enthüllt, ist vielleicht das Ergreifendste
, das am meisten Bestechende an dieser so
wohlgeratenen Schöpfung.
Diese Liebe zu dem Werk zeigt sich in einer
allseitigen Hingebung an die Aufgabe, die
heute, wo alles schnellfertig abgehaspelt zu werden
pflegt, etwas Beispielloses hat. Nicht nur
Hoffmann, der ja mit einem sublimen Geschmack
und feinfühligen Händen so viel Harmonie
zu erreichen versteht, sondern auch die
drei Bildhauer, die von ihm zugezogen worden
sind, waren so von ihrer Sache erfüllt. Es
hätte, wie zu bedenken gilt, hier eine Siegesallee
für Kinder entstehen können — vielleicht
mag solch Gelüst sogar die Triebfeder für ein
Eingreifen gewesen sein, das in den Werdetagen
dieses Märchenbrunnens zu einem heftigen
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