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IGNATIUS TASCHNER
Konflikt geführt hatte — und es entstand
dieses delikate "Werk, das an Noblesse nicht
seinesgleichen hat unter all dem, was von
deutschen Kommunen in dem letzten Jahrzehnt
angeregt worden ist.
Es ist zu beachten, mit welch einem beispiellosen
Instinkt der Bildhauer Josef Rauch
sich einzufühlen wußte in die Hoffmannsche
Architektur, als ihm der Auftrag wurde, die
Säulenanlage mit Tierfiguren abzuschließen.
Diese Hirsche, die über den Toren gelagert
sind, diese Löwen, diese Fische und Krebse
in den Gesimsfriesen, diese Muscheln, die die
Kapitale erfüllen, scheinen aus der Architektur
herauszuwachsen, als ob beides von ein und
derselben Hand geformt wäre, als ob nicht
ein Bildhauer und ein Baumeister der Jetztzeit,
sondern ein Geist der Renaissance Architektonisches
und Plastisches auf einmal bewältigt
habe. Selten sind zwei Temperamente so harmonisch
aufgegangen, und selten ist eine Architekturplastik
entstanden, die so durch und für
die ihr zugehörige Architektur lebt. Es ist des
weiteren zu beachten, mit welcher Ueberlegen-
heit Wrba bei der Gestaltung seiner Riesenhermen
den Gedanken des jardino secreto
aufgriff, wie er schon in der etwas robusten,
aphoristischen Modellierung der Figuren das
GRETEL
riesenhaft Uebermenschliche sinnfällig gemacht
hat, und wie leicht und frei er wieder bei den
ergötzlichen Kindergruppen sich zu geben wußte.
Und nur mit Begeisterung ist zu reden von
den vielen, entzückenden Märchenfiguren, die
Taschner den Kindern zur Freude geschaffen
hat. Da sind sie alle, die vertrauten Gestalten,
das Rotkäppchen, das Schneewittchen, die sieben
Raben und der gestiefelte Kater, alle durchgebildet
mit jenem Sinn für Wirklichkeit, nach
der das Kind verlangt, und doch alle auch
Untertan einer höheren Stilidee, die sie feineren
Sinnen sympathisch macht. Wer süddeutsche
Barockgruppen kennt, weiß, welch Formideal
dem Bildhauer vorschwebte, der sich als kluger
Former und launiger Erfinder trefflich bewährt
hat. Taschner hat sich scheinbar gar nicht genug
tun können in der Charakterisierung der
einzelnen Gestalten. Immer fällt ihm noch ein
kleiner Zug ein, der das Entzücken der Kinder
ausmachen könnte, immer gibt er wie ein wirklicher
Märchenerfinder der Phantasie, die hier
erregt werden soll, noch neue Nahrung. Mit
dem verwunschenen Dornröschen (Abb. S. 26)
läßt er ein Kätzchen den langen Schlaf tun
oder gibt ihm auf den Schoß noch ein zotteliges
Pudelhündchen, das entdeckt zu haben
die kleinen Herrschaften stolz und begeistert
Dekorative Kunst. XVII. i. Oktober 1913
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