http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_30_1914/0155
MODERNE ILLUSTRATIONSKUNST
Mit dem Beginn der modernen kunstgewerblichen Bewegung
ist die Kunst, Bücher zu illustrieren, in ein neues Stadium
getreten. Das 19. Jahrhundert war gewiß nicht arm an künstlerischen
Kräften auf dem Gebiet, aber die Verteilung war
etwas ungleich und das allgemeine Niveau nicht hoch genug, als
daß man an allen Hervorbringungen reine Freude hätte empfinden
können. Es gibt einige Höhepunkte, hervorragende Erscheinungen
von bedeutenden Fähigkeiten und daneben die große Menge
der mehr oder weniger geschickten Talente, die die Buchillustration
als nichts weiter denn als einen lohnenden Erwerbszweig
betrachten. Ein Künstler wie Menzel hatte allerdings ganz besondere
Verdienste, aber der Stil seiner Zeit, das Wollen seiner
Umgebung entspricht nur wenig unseren Ideen. Die offizielle
Buchillustration in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie
sie etwa Paul Thumann vertritt, bedeutet direkt den größten
Tiefstand, den unsere angewandte Graphik bisher erlebt hat.
Noch die Romantik hatte eine Kunst hervorgebracht, die
bedeutende Werte in sich schließt, vor allem wenn man die ausländischen
Produkte, Frankreich und England, in Betracht zieht.
Männer wie Pocci, Richter, Schwind und andere mehr hatten
auch bei uns einen Stil gefunden, der dem Zweck der Illustration
sehr gut angepaßt war. Die mehr auf das Realistische gerichtete
Kunst vom Ende des Jahrhunderts hat dagegen einen sehr
unheilvollen Einfluß ausgeübt. Der Illustrator verlor in dem Bestreben
, nichts als eine möglichst getreue Abschrift der Wirklichkeit
zu geben, jede Fähigkeit zu eigener phantasievoller
Gestaltung, und gleichzeitig kam ihm auch das Gefühl für das
rein Buchgewerbliche der Aufgabe abhanden, wonach eine Illustration
auch als ein materieller Bestandteil des Buches zu betrachten
ist. Die Illustration ist ein Teil einer buchkünstlerischen
Idee, die rein äußerlich mit dem Buche zusammenhängt,
die aber auch in inneren Beziehungen zu ihm steht und den
Text in gewisser Weise selbständig begleitet. Nicht jeder beliebige
Roman eignet sich dazu, in die Welt des Zeichners übersetzt
zu werden, ebenso wie nicht jeder Künstler für jeden
Stoff geschaffen ist. Die Illustration als bildlicher Bericht von
einem mit Worten geschilderten Tatbestand ist heute keine Kunst
mehr, das besorgt die Photographie und die mechanische Reproduktion
, die vor der alten graphischen Illustration noch das
£3
117
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_30_1914/0155