http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_30_1914/0184
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f.h.ernst schneidler.berlin
zeichnungen zu heines ,atta troll"
verlag::morawe & scheffelt, berlin
oder anderen Weise strikt befolgt, doch sind
die eingeschlagenen Wege verschieden genug.
Die archaistische Buchillustration zu Beginn
des neuen Jahrhunderts brachte als starke Reaktion
gegen den naturalistischen Stil die vereinfachende
stilisierende Richtung, die sich nur
etwas zu absichtlich, zu schematisch und monumental
gab. Eine so bewegliche Kunst wie die
Buchillustration schließt noch andere Möglichkeiten
in sich. Nachdem daher das Anfangsstadium
überwunden war, machte sich ein bewegteres
Leben fühlbar, das mit frischer Kraft die
verschiedensten Aufgaben bewältigte. Die Weiterführung
der archaisierenden Tradition führte
zu der kraftvoll bestimmten und farbenfrohen
Illustrationskunst der jungen Münchner Schule.
Man gewinnt ferner mehr Geschmack an den
früher weniger bemerkten Qualitäten älterer
Epochen, wie sie im Rokoko und Biedermeier
schlummern, die Farbe spielt eine immer größere
Rolle, man erkennt die ins Unendliche
zu steigernde Ausdrucksfähigkeit der Linie und
macht sie darstellerischen Ideen dienstbar,
ebenso erfährt die rein auf der textlichen Grundlage
aufbauende Darstellungskunst eine ungeahnte
Vertiefung durch das Eindringen impressionistischer
Tendenzen. Die stark karikaturistischen
Neigungen unserer angewandten
Graphik, wie sie sich etwa im Plakat ausdrücken,
werden auf die Buchillustration übertragen, und
besondere Feinschmecker bedienen sich eigenartiger
Darstellungsmittel wie der Silhouette.
Die Wiener Schule folgt einem dekorativ gewerblichen
Stile. Auf der anderen Seite nimmt die
Vorliebe für die vornehme Originalgraphik als
Illustrationstechnik zu. So ist bei der allerletzten
Phase zu beobachten, daß die rein gewerblichen
Ideen, die bisher so wichtig waren, als
selbstverständlich etwas in den Hintergrund
rücken, während der künstlerische Charakter
der Illustrationskunst wesentlich gesteigert wird.
Der Künstler beachtet häufig den Text sehr
wenig und gibt nur seiner bestimmten Vorstellung
auf der literarischen Basis Ausdruck.
Gleichzeitig wächst das Gefühl für die Nuance,
jedes neue Werk bietet dem Künstler eine Gelegenheit
zur Verwendung neuartiger künstlerischer
Ideen. Das ergibt sich schon daraus,
daß unsere Illustratoren altbekannte Stoffe bevorzugen
, und daß sie ihre Kunst gerade dann
in Anwendung bringen, wenn es sich um Gegenstände
handelt, die geringe gegenständliche,
aber umsomehr illusionistische Werte in sich
schließen. So ist unsere moderne Illustrationskunst
ein höchst interessanter Zweig künstlerischer
Betätigung geworden. Die literarische
Grundlage, die jede Illustrationskunst haben
muß, wird sie davor bewahren, den abstrakten
und rein formalen Problemen allzuviel Raum
zu gewähren. Dr. Johannes Schinnerer
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