http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_30_1914/0185
CARAN D'ACHE-PARIS
BEMALTES SPIELZEUG
Aus der Ausstellung: „L'art pour l'enfance" im Musee Galliera, Paris
KIND UND KUNST IN FRANKREICH
Das Musee Galliera in Paris veranstaltet
alljährlich Ausstellungen für angewandte
Kunst. Ihr Publikum ist die bessere Bourgeoisie
des Westendviertels. Nirgendwo besser
als hier erhellt die Rückständigkeit des französischen
Kunstgewerbes, mag es sich nun
um Bucheinbände, Stickereien, Frauenschmuck,
oder wie heuer um die Kunst für das Kind
handeln.
Es war vor allem auffällig, wie wenig von
dem Dargebotenen eine Kenntnis der Kinderseele
bezeugte. Gibt es in Frankreich keine
Kunst des Kindes, weil es keine Kinder gibt?
In Paris jedenfalls sind sie es nur kurze Zeit.
In zu frühen Jahren werden sie darauf hingelenkt
, im Kleinen ein Abbild des Großen zu
sein. Besonders die jungen Mädchen. Wenn
sie acht, neun Jahre alt sind, wirken sie schon
damenhaft. Ihre Körperbewegungen haben die
Grazie, die Abrundung der Erwachsenen; ihre
Kleidung geht auf die Eleganz der Reifen aus,
und ihr Bewußtsein ist so entwickelt, daß Antworten
wie: „ Das paßt sich doch nicht für mich"
typisch für sie sind. Sie sind charmant, aber
keine Kinder. Andererseits entstehen nur in
Paris künstlerische Bewegungen; nur in Paris
haben sie Aussicht auf Erfolg. So wirken schon
hier zwei wesentliche Faktoren nicht zusammen.
VITRINE MIT PARISER PUPPEN AUS DER AUSSTELLUNG „L'ART POUR L'ENFANCE" IM MUSEE GALLIERA, PARIS j
Dekorative Kunst. XVII. 3. Dezember 1913
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