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HAUS KUPPEL
FRANKFURTA?A\AIN /
ARCHITEKT/PROR HUGO EBERHARDT
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Wir sind gewohnt, die Bauten, die um
uns herum entstehen, immer vom
Architekten aus zu betrachten. Gewiß, er ist
der eigentliche Hersteller des Hauses, der
Baumeister, der — im alten Sinne desWortes —
Meister der Bauleute. Er erdenkt die Räume,
entwirft die Grundrisse und die Fassaden,
wählt Materialien, bestimmt Handwerksleute,
ist kurz und gut der verantwortliche Gestalter
des Hauses, auf dessen Veranlassung alles
geschieht, der schön oder häßlich, groß oder
banal bauen kann. Aber die Sprache redet
nicht nur vom Baumeister, sie hat außerdem
noch das Wort Bauherr, ein stolzes, herrisches
Wort geprägt. Wie der fiedelnde Tod in dem
Böcklinschen Selbstbildnis, so taucht hinter
dem Baumeister immer der Bauherr auf.
Manchmal fiedelt er; manchmal ist er vergnügt
über das, was von dem Baumeister für
ihn geplant worden ist, was er unter Maurers
Händen vor sich aufwachsen sieht. Manchmal
aber ist er auch grausam, grausam wie der
Sensenmann, wenn er mit harter Hand große
Pläne und kühne Ideen des künstlerisch
wollenden Architekten im Keime schon erstickt
. Er hat ja die Macht, aus Bauideen
Architektur werden zu lassen, und mehr noch
übt er vielleicht die Macht, durch soviel Einwände
, soviel Kompromißforderungen ideale
Anlagen um ihren eigentlichen Kern, um die
ideale Einheit zu bringen. So ist Architektur
immer zu verstehen als Diagonale zwischen
der Kraft eines Baumeisters und den Absichten
des Bauherrn. Es ist, wo Richtiges
entstehen sollte, nie so gewesen, daß der
Eine nur der Mann war, der einen Kontrakt
unterzeichnete und Gelder hergab, damit der
andere, der Baumeister, in die Lage käme,
seine Kunst zu üben. Auch der Bauherr
hat bei der Anlage eines Hauses, das ja für
ihn vorgedacht werden soll, eine wichtige
Funktion zu erfüllen. Er muß, wenn der
Architekt sich ans Planen macht, mitraten,
muß in gewissem Sinne dem ihm zugedachten
Grundriß gegenüber mitschöpferisch werden.
Mitschöpferisch in der Weise, daß er von
dem Architekten die Räume und die Anlagen
fordert, die ihm wie der Rock auf den Leib
passen werden. Er muß eine Vorstellung
haben von dem Leben, das sich seinen Absichten
nach dereinst in dem werdenden Haus
entfalten wird, und muß diese Vorstellung
seinem Baumeister aufzuzwingen verstehen,
auf daß er aus solchem Abstraktum ein Sinnliches
, ein Räumliches bilde. Wo immer man
sich umtut in den Architekturen der Vergangenheit
, spürt man hinter der Form diesen
Willen des Bauherrn, der einmal das monumental
Mystische, ein ander Mal das elegant
Mondäne, wieder einmal das bürgerlich Behäbige
erstrebte. Nicht daß nachzuweisen
wäre, daß er sich um das Detail der Formgebung
, um die Schnörkel und Schnörkelchen
des Stilwesens bekümmert hätte. Das war
einem Bauherrn vorbehalten, der im Instinkt
unklar gemacht worden war, der, wenn er
sich ein Haus herrichten ließ, einer fixen
Stilidee und nicht einem natürlichen Lebensbedürfnis
zu genügen trachtete. Das allerdings
konnte man von dem Bauherrn nicht
verlangen, daß er auch noch in verwendbaren
Stilvorlagenwerken Bescheid wüßte, daß er
seinem Baumeister auch noch hülfe, Motive,
die übernommen werden könnten, ausfindig
zu machen. Eine Zusammenarbeit in solchem
Sinne konnte natürlich nicht gemeint sein, und
wo sie vorgekommen ist, war von vornherein
nichts zu erwarten, was man Architektur
heißen könnte. Aber das Organische am
Haus, das, woraus der Form das Leben quillt,
das geht bis zu einem gewissen Grade immer
zurück auf den Bauherrn, der dem von ihm
berufenen Architekten stets ein Stück seines
intimsten Seins zu enthüllen hat.
Dekorative Kunst. XVII. 4. Januar 1914
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