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DIE FRESKEN VON WALTHER GEORGI
IN DER ABTEIKIRCHE ZU SANKT BLASIEN
Die Kirche der ehemaligen Benediktiner-
Abtei zu Sankt Blasien im badischen
Schwarzwald ist nach den Plänen des Architekten
Michel d'Ixnard im Jahre 1768 begonnen
und 1783 vollendet worden. Es ist eine im
klassizistischen Barock ausgeführte Zentralkirche
, deren Anlage den besonderen Bedürfnissen
einer Klosterkirche angepaßt ist. Den
Hauptraum bildet eine kreisrunde Kuppelhalle,
die sich aber nach der Altarseite hin in ein
Langschiff, den für die Mönche bestimmten
Chor öffnet. Die Kuppel gehört mit einem
inneren Durchmesser von 35 Metern zu den
größten Kuppelbauten der Welt und kommt als
vierte nach den drei berühmten italienischen
Kuppeln: der des Pantheon (43 m), der Peterskirche
(42 m) und des Doms zu Florenz (40 m).
Die Schale der inneren Kuppel hat keinen
Tambur, sondern lagert als eine weitgespannte
Halbkugel über dem ganzen Raum. Gleichwohl
ruht der Rand der Kuppel nicht auf der Außenmauer
, sondern der reicheren Raumperspektive
wegen auf einem wagrechten Gebälk, das von
20 freistehenden korinthischen Säulen getragen
wird; dazwischen fällt das Licht in einer
doppelten Reihe von Fenstern herein. Außerdem
wird der Kuppelraum durch eine dritte
Fensterreihe beleuchtet, die im untern Teil der
Kuppel selbst eingelassen ist.
Als das Kloster Sankt Blasien im Jahre 1806
säkularisiert wurde, blieb die ehemalige Abteikirche
als Pfarrkirche ihrem religiösen Zweck
erhalten. In dem anstoßenden Teil des Klostergebäudes
aber wurde später eine Baumwollspinnereieingerichtet
. In dieser brach im Jahre
1874 ein Brand aus, der auch auf die Kirche
übergriff. Dadurch wurde die Kuppel und die
ganze innere Ausstattung der Kirche zerstört.
Der Gottesdienst wurde auf den notdürftig ausgebesserten
Chor beschränkt, der durch eine
Mauer von der Rotunde abgeschlossen wurde.
Diese selbst blieb einstweilen Ruine, bis auf
eine Anregung Großherzog Friedrichs I. die
vollkommene Wiederherstellung dieses bedeutenden
Denkmals der Barockbaukunst durch
den Staat beschlossen wurde. Rotunde und
Chor wurden wieder als ein einheitlicher Raum
ausgebildet und — zuletzt unter der Leitung
von Architekt Friedrich Ostendorf in Karlsruhe
— wieder für die Bedürfnisse des katholischen
Gottesdienstes eingerichtet. Im Laufe
dieses Jahres konnte die Kuppelhalle nach Abschluß
der wichtigsten Arbeiten im Innern ihrer
religiösen Bestimmung zurückgegeben werden.
Die eigentlich dekorative Ausstattung des
Raumes ist ziemlich schlicht gehalten. Die
Wand wird durch eine Reihe flacher Pilaster
gegliedert, und maßvoll verwandte Stuckornamentik
schmückt die Fensterumrahmung. So
beschränkt sich die imposante Wirkung des
Raumes im wesentlichen auf die konstruktiven
Elemente. Ebenso schlicht ist die farbige Behandlung
. Die Grundfarbe der Wand ist ein
helles Gelb, die Kuppel — die in ihrem ansteigenden
Teile bis zur oberen Fensterhöhe
kassettiert wurde — ist weiß; diese Farbe
setzt sich auch in den Säulen, Pilastern, dem
Rahmenwerk usw. fort. Der Spiegel der
Kuppelschale ist beimUmbau flach gelegt worden.
Hierfür war das Bedürfnis maßgebend, die farbige
Raumstimmung im Sinne der Barockkunst
durch eine Deckenmalerei zu steigern. Die
Dekorative Kunst. XVII. 4 Januar 1914
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