Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 30. Band.1914
Seite: 266
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HANS SCHMITHALS-MÜNCHEN □ □ SEKRETÄR UND GLASSCHRANK AUS DEM HERRENZIMMER AUF SEITE 267

in die jüngste Vergangenheit, ja eigentlich bis
in die Gegenwart hinein, entweder direkte oder
indirekte Anleihen beim Orient gemacht hat;
beim Orient, dessen klimatische Voraussetzungen
für die stilistisch höchst vollendete
und unübertreffliche Entwicklung seiner Teppichweberei
eigentlich gar nicht so ins Gewicht
fallen wie die unsrigen.

Dann hat uns das neue Kunstgewerbe auch
den neuen deutschen Teppich gebracht. Er
war nicht bunt wie die Perser und Türken,
sondern mehr auf große eintönige Flächenwirkung
hin stilisiert, mit ornamental ausgebildetem
Mittelfeld und entsprechender Randdekoration
, mit geometrischen Feldern oder
mit üppigen Blumenranken wie zur seligen
Biedermeierzeit. Manche dieser Teppiche hatten
etwas Gewalthaberisches an sich durch die
gestrenge Flächenteilung, manche wirkten so
ehrfurchtgebietend künstlerisch, daßder profane
Fuß sich scheute, sie zu betreten. Sobald
man aber den Teppich im Räume als ein Ding
für sich empfindet, stimmt entweder der Raum
oder der Teppich nicht.

Die Ausstellung, die vor einigen Jahren den
deutschen Teppich in Berlin in allen seinen
Arten zeigte, wurde für Schmithals der Anlaß
zur eingehenden Beschäftigung mit den Möglichkeiten
seiner Gestaltung. In verhältnismäßig
kurzer Zeit und durch bereitwillige
Versuche der Smyrna-Teppichfabriken in Cottbus
unterstützt, gelang es ihm, zu den schönen
und vornehmen Resultaten zu gelangen, wie
sie die Abbildungen zeigen, wobei freilich
das Fehlen der Farbe durch keinerlei Beschreibung
ersetzt werden kann. Denn von
der Farbe als dem eigentlichen Lebenselement
dieser Gewebekunst geht Schmithals aus. Er
legt jedem Entwurf eine bestimmende Farbe
zugrunde, unterstützt und kontrastiert sie
durch zahlreiche Komplementärfarben und
entwickelt gleichzeitig aus diesem farbigen
Kontrastspiel das Ornament. Das ist das
Wesentliche an diesen Teppichen: das
farbengeborene Ornament, im Gegensatze zu
jenen Entwürfen, bei denen das Ornament
dem Teppich sozusagen aufgesetzt erscheint.

Ein zweites Merkmal ist die Abwesenheit
jedes naturalistischen Anklanges an bestimmte
Tier- oder Pflanzenformen. Man schreitet
nicht über Blüten und Blätter, üppige Blumenranken
und Sträuße oder gar singende Vögel
dahin, sondern in ganz freien phantastischen
Formen finden sich Linien und Flächen zu
rhythmischen Wirkungen zusammen, ist die
Gesamtfläche des Teppichs symmetrisch gegliedert
, ist sie ein einziges großes, organisch
abgestuftes Ornament geworden, in dem jede

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