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ARCH. ERNST HAIGER-MÜNCHEN □ HAUS Dr. PRENTZEL: WOHNUNG DES HAUSMEISTERS
gewohnt sind, augenblicklich zu verstehen
haben. Wie die Ausstellungen in München,
Darmstadt und Dresden Bilanzen dieser
Bewegung waren, wie sie im Verlauf der Entwicklung
zu einem Gradmesser der jeweiligen
Situation geworden sind, so wird Köln in dieser
Folge den Jahresring 1914 abgeben.
Wodurch wird Köln sich von jenen vorhergehenden
Ausstellungen unterscheiden? Was
wird es zu bieten haben? Mit anderen Worten,
was für eine Ausstellung entspricht
dem augenblicklichen Stand unseres
Kunstgewerbes, was für eine Schau
können die besten der augenblicklich
tätigen Kräfte zusammenstellen?
Vor allem wird man sich darüber klar sein
müssen, daß bei Gelegenheit der früheren Ausstellungen
: 1896, 1901 und 1906 mit genau
denselben Begriffen, mit denen wir zu operieren
pflegen, ganz andereVorstellungen verknüpft
waren, als es jetzt der Fall ist.
Unter „modern", unter „künstlerisch", unter
„Zeitstil" und was es an dergleichen Vokabeln
noch gibt, verstanden ein van de Velde,
ein Obr ist, ein Ol brich etwas durchaus
anderes, als es etwa ein Troost augenblicklich
versteht. Das junge Kunstgewerbe wollte in
jenen Sturmjahren, deren Zeugen eben die
Ausstellungen bis Dresden 1906 waren, auch
etwas ganz anderes, als es heute will, heute
vielleicht muß.
Jenes Kunstgewerbe war herausgeboren aus
einer wahrhaft künstlerischen Leidenschaft
, einer Ekstase, die keine Hindernisse
zu sehen, keinen Widerstand zu achten, keine
Grenzen anzuerkennen schien. Die Menschen,
die sich daran machten, Wohnräume, Möbel und
Hausgeräte zu reformieren, glaubten sich vom
Schicksal ausersehen für eine der gewaltigsten
Aufgaben, die dem Künstler überhaupt gestellt
werden können, und sie hatten den Ehrgeiz
der großen Schöpfernaturen, die ihnen von
der Zeit aufgedrungene Mission aufs vollkommenste
zu erfüllen. Der Rausch, etwas ganz
Großes, etwas Ureigenes zu leisten, hatte sie
erfaßt; besessen von einer Idee, jugendselig,
tollkühn sprangen sie hinein in die Gewerbe, wo
es nicht um ein anderes Formenschema, nicht
um ein bißchen Geschmäcklertum, sondern
um den Ausdruck einer neuen Weltanschauung
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