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W. HAGGENMACHER □ BRIEFBESCHWERER, IN SPECKSTEIN GESCHNITTEN
EISENARBEITEN VON WALTER HAGGENMACHER
Das Eisen ist ein Stiefkind des heutigen
Kunstgewerbes. Vielleicht verbinden wir
es in unserer Vorstellung zu sehr mit Maschinen
und den Werken der Industrie, als
daß wir ihm intimere Reize zutrauen können.
Einige schmiedeiserne Grabkreuze sind wohl
das einzige Erzeugnis, dem unsere Zeit ihren
Stempel aufgedrückt hat. Frühere Zeiten boten
viel mehr Gelegenheit, das Eisen künstlerisch
zu verwenden. Die Waffenschmiede und Plattner
haben in geschnittenen Degen- und Dolchklingen
, in geätzten und gravierten Rüstungen
ein weites Feld besessen, dem scheinbar so
unnahbaren Material des Eisens einen zierlichen
Charakter zu geben. Auch die Technik
des Tauschierens hat viele Werke der
Kleinkunst hervorgebracht. Das moderne
Kunstgewerbe aber ist bisher an ihr vorübergegangen
, und fast nur im Orient findet sie
noch eine liebevolle Pflege.
Auf einer kleinen aber qualitativ ausgezeichneten
Ausstellung sah man im vergangenen
Jahr in München zum ersten Male mehrere
Eisenarbeiten von Walter Haggenmacher.
Der Künstler stammt aus der Schweiz und war
Schüler von W. v. Debschitz in München. Erst
seit verhältnismäßig kurzer Zeit hat er sich dem
Eisen zugewandt. Früher hat er namentlich viel
geschnitzt. Ein Zeuge dieser Tätigkeit ist die
kleine Specksteinschnitzerei, die ein echt germanisches
Formentalent zeigt, mit ihrem an
Wurzelwerk erinnernden Gerank, das es dem
Auge schwer macht, seinen Windungen zu folgen.
Die Form, die er seinen Eisenarbeiten gibt,
ist von einer einfachen Selbstverständlichkeit.
Auch die Rohform der Schalen und Kästen
arbeitet er selbst mit Hammer und Ambos
aus dem Eisen heraus. Alle Gegenstände
sind von Anfang bis zur Vollendung sein
eigenes Werk. Er ist hierin ein Kunsthandwerker
im guten alten Sinne. Was den Hauptreiz
der Arbeiten ausmacht, ist die Sicherheit
, mit der ihr Schmuck aus der Form
herauswächst, so daß beide zu einer festen
Einheit verbunden sind und jener nicht als
etwas Akzessorisches zu dieser hinzukommt.
So scheinen die Schmuckformen auf dem
Eisenkästchen von dem Material als formbildendes
Element selbst geschaffen zu sein,
so sicher kommt das Ornament aus dem Körper
heraus. Es fehlt hier vollkommen der
peinliche Eindruck, daß die fertige Grundform
mit einer Schmuckform verziert werde;
man hat vielmehr die Ueberzeugung, daß beide
aus dem gleichen Willensakte des Künstlers
hervorgegangen sind. Besonders schön wirkt
die Oberfläche des Eisens, die Haggenmacher
nach einem bestimmten Verfahren, durch einen
Glühprozeß, springen läßt, was ihr den Reiz
der Zufälligkeit verleiht, der dem Craquele
der Keramik nahe kommt.
Auf das Technische ist überhaupt großer
Wert gelegt, und die Schönheiten, die in jeder
Technik liegen, sind mit besonderer Liebe
und besonderem Verständnis hervorgeholt. So
ist es nicht zu verwundern, wenn Haggenmacher
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