http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_30_1914/0443
FL. JESSIE HÖSEL
derartiges gäbe, es wäre hilfloses Gestammel.
Vor einigen Jahren waren einmal ein paar
Zeichnungen von ihr ausgestellt, die durch
Wesenlosigkeit verblüfften. Es ist seltsam, so
sehr diese Hösel über aller Technik, vielleicht
sogar außerhalb der landläufigen Stickereitechnik
steht, so sehr scheint sie doch an sie
gebunden. Sie ist wirklich ganz sie selbst erst,
wenn sie die glitzernden Seidensträhnen in den
Fingern hat, wenn sie ihre Sticknadel führen
kann, nach der sie greift wie der geborene
Graphiker zu seiner Radiernadel langt. Es
überrascht denn auch nicht zu hören, daß viele
und vielleicht die besten dieser Grunewaldstimmungen
direkt vor der Natur unter dem
Eindruck des ersten, frischen Erlebens gestickt
worden sind. Vor der Natur, aber niemals
naturalistisch, ganz so wie Liebermann einmal
erklärt hat, daß er seine Bilder immer
vor, aber niemals nach der Natur gemalt habe.
NADELMALEREI
So mußten diese Stickereien denn auch ganz
Dokumente ihrer Persönlichkeit werden. Sogar
in der Handschrift prägt sich ihr Wesen
deutlich genug aus. Es klingt etwas fremdartig
im Ohr, wenn bei einer Stickerin von Handschrift
gesprochen wird. Aber man sehe sich
nur einmal genauer die Lichtung (Abb. S. 376)
an. Sogar die Reproduktion läßt noch deutlich
genug diesen eigenen und entschiedenen Duktus
erkennen, um den ein Kalligraph oder ein
Radierer diese Frau beneiden könnte. Und
in diesem Handschriftlichen beruht die künstlerische
Delikatesse dieser Nadelgraphiken,
die in Europa einzigartig dastehen, die höchstens
in Japan Geistesverwandte haben. Was
man heutigen Tages so selten anzutreffen pflegt:
einen Persönlichkeitsstil, was man so
gierig erstrebt: Ausdruckskunst, Ausdruck
eines Seelischen, findet man da
in diesen feinen Bildchen. Paul Westheim
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