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LUDWIG VIERTHALER
BRONZE-FIGUR
LUDWIG VIERTHALER
Was München und mit ihm Süddeutschland
und ganz Deutschland der Münchner
Bauschule verdanken, wissen wir alle. Die
Malerei ist am wenigsten von ihr berührt
worden; sie steht von den bildenden Künsten
der Architektur heute am fernsten. Um so
größeren Nutzen hat das Kunsthandwerk aus
ihr gezogen, und auch die Plastik hat sich bei
ihren nahen Beziehungen zur Baukunst anzupassen
gewußt. So wird denn heute wie von
der hochgeachteten Münchner Bauschule auch
von einer Münchner Plastik gesprochen, und
ihre allgemeinen Werte und Charakteristika
entsprechen einander.
Es ist bezeichnend für diese Münchner Kunst,
daß sie in enger Berührung und in lebendigem
Austausch mit dem Handwerk erwuchs. Auch die
ersten Arbeiten Ludwig Vierthalers, dessen
künstlerische Heimat München ist, liegen auf
kunstgewerblichem Gebiet, besonders auf dem
der Metallarbeiten. Aus seinen Kenntnissen im
Handwerklichen und Konstruktiven sprossenund
blühen seine schön empfundenen und phantasievollen
Ornamente und Formen. In Bronzen
und Beleuchtungskörpern, in kristallverzierten
Lüstern und an sinnlich-frohem Frauenschmuck
hat er manch schönes Stück geschaffen. In
den Formen seines Ornaments knüpft er gern
in sinnvoller Arbeit an ältere Stile, besonders
an die wunderbaren Barock-Arbeiten an und
erreicht sein Eigenes, Neues und Besonderes
durch die Verarbeitung des Ueberkommenen,
indem er die Tradition verfeinert und werkgerecht
nach den modernen Bedürfnissen und
nach dem Fühlen und Empfinden des modernen
Menschen entwickelt. Die Reize des Materials
läßt er der Schönheit des Zwecks und
der Gestaltung dienen, und seine Schalen,
Bowlen und Kassetten, die er gern mit figürlicher
Kleinplastik ziert, zeigen ein handwerkssicheres
und handwerksfrohes Gefühl für den
Wohllaut zärtlicher, weicher Linien, denen sich
im Kern ein Ausdruck männlicher Kraft paart.
Es steckt stets eine Art Verliebtheit in Vierthalers
Arbeiten, und eine Eleganz, die aus
Schwere und Grazie erwächst. Nicht nur seine
kunsthandwerklichen Arbeiten sind daran zu
erkennen, auch seine Architekturplastik atmet
diese phantasiebegabte Sinnlichkeit.
Die Architektur hat ja von aller Kunst die
größten Schwierigkeiten zu überwinden. Nirgendwo
sonst hat der Geist ein solches Gegengewicht
von Materie und Zweck zu tragen.
Nirgendwo sonst, auch in der Musik nicht,
äußert sich die Schönheit bei aller Greifbarkeit
so in Abstraktionen, wie gerade in der
Baukunst. Den Kothurngang des Architekturstils
kann die Plastik sinnfälliger machen, ihn
vermenschlichen, und der Bildhauer übernimmt,
wenn ich dies dramaturgische Bild beibehalten
darf, mit seiner Arbeit für den Architekten
eine ähnlich dienende und umgestaltende Rolle
wie der Schauspieler dem Dichter gegenüber.
So gehört denn zur Architekturplastik ein be-
Dekorative Kunst. XVII. 9. Juni 1914
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