http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_30_1914/0505
WOLFGANG UND HERTHE VON WERSIN
VENEZIANISCHE GLASARBEITEN
Vertrieb: Deutsche Werkstätten für Handwerkskunst, München
VENEZIANISCHE GLASER
Das Wort „Venezianisches Glas" erweckt
in uns die Erinnerung an die dünnwandigen
Erzeugnisse der wohlgeformten Prachtpokale
des 17. Jahrhunderts und an die spielerischen
Glasgebilde, die namentlich im 18.
Jahrhundert von Venedig ihren Weg in die
ganze Welt hinaus nahmen, und deren Tradition
bis auf den heutigen Tag dort noch gepflegt
wird. Sie bilden für den Fremden, der
Venedig als ein merkwürdiges Museum betrachtet
, den Typus des venezianischen Glases.
Man nahm dieses als eine feststehende Tatsache
hin, und niemand kam wohl auf den Gedanken
, daß es auch anders sein könnte und
daß diese alte Industrie noch neue Blüten zu
treiben imstande wäre. Einigen Deutschen
war es vorbehalten, auf diesen absterbenden
Baum ein neues Reis aufzupfropfen. Wolfgang
und Herthe von Wersin gehören zu
den ersten, denen es gelungen ist, wirklich
moderne Erzeugnisse in einer venezianischen
Glasbläserei hergestellt zu haben, die alle
Vorzüge und Eigentümlichkeiten der alten
Technik zeigen, jedoch ganz aus dem Geiste
unserer Zeit heraus geschaffen sind. Hier
war der Punkt, wo Wersin einsetzte. Seit
100 Jahren war die Phantasie des venezianischen
Glasbläsers erschöpft, und was hervorgebracht
wurde, waren Wiederholungen alter
Stücke, die ja auch im vorigen Jahrhundert,
das sich an solchen Nachahmungen Genüge tat,
geschätzt wurden und reichlich Absatz fanden.
Wersin hat den Charakter des venezianischen
Glases ausgezeichnet erfaßt. Seine Schalen,
Leuchter, Becher und Vasen sind alle typisches
venezianisches Glas. Dieses hat seine
Eigenart in der Dünnwandigkeit und Beschränkung
der Masse, die sich wie ein Segel von
innen heraus bläht, was ja auch der Herstellungsweise
entspricht. Allein durch menschliche
Lungenkraft und unterstützende Handgriffe
bildet sich der Gegenstand ohne Anwendung
einer Form aus der flüssigen Masse
heraus. Nur durch die jahrhundertlange Tradition
ist es möglich, zu solcher technischen
Vollkommenheit zu gelangen, die fast ganz
auf mechanische Hilfsmittel verzichten kann.
Diese Fertigkeit hat sich in einzelnen Familien
von Generation zu Generation fortgeerbt. Auf
die Intentionen Wersins ging am besten die
Familie Barovier ein, die auch seine sämtlichen
Arbeiten ausgeführt hat.
Der Künstler hat mit vollem Verständnis
sich den Eigentümlichkeiten der venezianischen
Glasbläsertechnik angepaßt. Die Gegenstände
zeigen alle den zierlichen Stil des geblasenen
431
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_30_1914/0505