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ARCH. ALBIN MÜLLER □ HAUPTPORTAL MIT LÖWEN VON BERNHARD HOETGER
DIE III. AUSSTELLUNG
DER DARMSTÄDTER KÜNSTLER-KOLONIE
Eine Ausstellung wie die auf der Darmstädter
Mathildenhöhe kann nicht nur nach
dem beurteilt werden, was sie Positives und
Neues bringt. Es ist vielmehr die ganze künstlerische
Gesinnung, die als Wesentlichstes in
Frage steht. Hier bedeuten ja die in längeren
Zeiträumen wiederholten Ausstellungen die Erfüllung
eines künstlerischen Programms, und
ihre Tradition geht auf die Schaffung bleibender
Werte, auf den Ausbau des Parkhügels
selber, der sich Mathildenhöhe nennt. Das Experiment
, das sich vor 13 Jahren mit dem, vielleicht
unbeabsichtigt anspruchsvollen Namen
„Ein Dokument deutscher Kunst" der Welt
darstellte, wird mit abgeklärteren Ansichten
und strengerer Schulung fortgesetzt. Nur die
leitenden Persönlichkeiten und ihre idealen
Gesinnungen sind geblieben: Der Groszher-
zog Ernst Ludwig von Hessen, der noch
immer in seiner temperamentvollen und großzügigen
Art den einzigen Fürsten darstellt,
der ein Herz für neuzeitliche Kunst hat, und
der Organisator seiner Ideen, der Wirkl. Geh.
Rat Römheld, dessen Verdienst um das Zustandekommen
und die Geschlossenheit auch
dieser Ausstellung nicht gering ist. Sie sorgen
für den Zusammenhang im Geist des Geschaffenen
; und man mache sich klar, daß
ohne diesen Mäzenatensinn des Großherzogs
Darmstadt als modernes Kunstzentrum nicht
existierte, um den Wert einer solchen Tradition
wirklich zu ermessen. Bei alledem ist
natürlich keineswegs alles, was gemacht wird,
mustergültig, und es kommen Entgleisungen
vor; man wird sie aber „um der Gebrechlichkeit
der weltlichen Einrichtungen willen" nicht
tragisch nehmen und lieber auf das Geglückte
den Nachdruck legen.
Mit Recht hat man die Mathildenhöhe mit
einem Freiluft-Museum verglichen. Die erste
Kunstschau von 1901 brachte in den bis dahin
ungestörten Frieden der herrlichen Parkbäume
und der beglückenden Rundsicht auf Odenwald,
Darmstadt und Rheinebene das „Dokument"
der Olbrichschen Häuser und Atelierbauten
und Peter Behrens' noch heute bezwingendes
Eigenhaus. Auch 1908 dominierte, kurz vor
seinem Tode, Olbrich noch mit den dauernden
Bauten der städtischen Ausstellung und
des Hochzeitsturmes auf der höchsten Stelle.
Man könnte fast von architektonischen Jahresringen
sprechen, wenn nicht die Bebauung
fortlaufend von Süden her sich über den ganzen
Hügel nach Norden zöge: der Zuwachs dieses
Jahres, noch ausgedehnter, umfaßt als endgültigen
Abschluß im Nordosten die lange Miethausgruppe
von Albin Müller, im Nordwesten
den plastischen Schmuck des Platanenhains
Dekorative Kunst. XVII. n, August 1914
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