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THEODOR KARNER
BRASILIANISCHE DROSSEL
in München besonders nahe, so ist es doch
kein geringes Verdienst des von jeder staatlichen
Behörde unabhängigen, aber auch durch
keine Staatssubvention gesicherten Pächters
der Nymphenburger Manufaktur, daß er immer
wieder durch Versuche mit künstlerischen Mitarbeitern
seine bereits errungenen
materiellen Erfolge
aufs Spiel gesetzt hat.
Denn er versuchte nicht,
große Namen mit Nymphenburg
zu verbinden, sondern
er gab jungen, noch wenig
oder gar nicht bekannten
jungen Künstlern Gelegenheit
, sich mit dem ihnen
fremden Material bekannt
zu machen, er und seine
Mitarbeiter waren geduldig
und unermüdlich zu immer
neuen Versuchen bereit, um
den Ideen der Künstler Form
und Farbe zu geben.
Da war der blutjunge Joseph
Wackerle, dessen Begabung
wohl durch einige
Arbeiten erwiesen, aber trotz
Rompreis und goldener Medaille
doch nur wenigen
Künstlern und Kunstfreunden
bekannt war. Er fühlte
sich bald in Nymphenburg
wohl, erkannte in praktischer
WILHELM NEUHÄUSER □ KÄUZCHEN
Kgl. Porzellan-Manufaktur Nymphenburg
Arbeit zwischen Modelleuren, Formern und
Malern bester Schulung die Bedingungen und
Möglichkeiten des anziehenden aber auch recht
kapriziösen Werkstoffes und schuf Porzellanplastiken
, wie sie so echt seit dem 1 S.Jahrhundert
kaum wieder entstanden sind. Stofflich
entsprechen sie durchaus
den Arbeiten der klassischen
Zeit, in ihrer Formensprache
sind sie im besten Sinne modern
, aber Wackeries Harlekin
oder seinen Chevauleger-
Reiter kann man, ja man muß
sie neben die Figuren der
italienischen Commedia oder
die Reiterfiguren Meißens
setzen, um ihre Lebendigkeit
und ihre Porzellanhaf-
tigkeit schätzen zu lernen.
Weit enger noch als
Wackerle ist Theodor Kär-
ner mit Nymphenburg verbunden
. Auf derletzten Weltausstellung
in Brüssel sah
man wohl die ersten Tiermodelle
von ihm. Man hatte
vorher schon so viele Porzellantiere
gesehen, aber die
Nymphenburger waren anders
. Und diesen eigentümlichen
Charakter, der hohe
Naturwahrheit und sicherstes
Stilgefühl im Gleich-
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