http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_30_1914/0634
ARCH
ADELBERT NIEMEYER UND HERMANN HAAS B HAUPT-CAFE DER WERK BUND-AUSSTELLUNG: TEILANSICHT
Stellung zu lesen, und es ist erfüllt, aber auch
verderblich geworden. Man muß sich darüber
klar sein, daß die Qualitätsarbeit, die man uns
für Köln versprach, heute weder in Deutschland
noch bei einer anderen Nation schon Gemeingut
ist. Wir kämpfen noch um sie, wir
stecken noch mitten in der Werbetätigkeit für
sie. Deshalb hätte wohl auch eine sehr viel
bessere und unter günstigeren Sternen arbeitende
Ausstellungsleitung als die Kölner das
Wunderbare nicht zu leisten vermocht, eine
2-Kilometer-Front-Ausstellung mit 150 Bauobjekten
nur mit Qualitätsarbeiten anzufüllen.
Aber man hätte diese Verhältnisse erkennen
und überblicken und darnach disponieren müssen
. Die Ausstellungsleitung hätte zur rechten
Zeit mit dem Vorschlag einer weisen Mäßigung
hervortreten müssen, und jedermann hätte ihr
diese einsichtsvolle Maßnahme gedankt. Wäre
Carl Rehorst in Leipzig, im Juli 1913, vor den
versammelten Werkbund getreten und hätte erklärt
: „Wir haben unsere Kräfte überschätzt.
Wenn wir tatsächlich nur echte, höchste Qualität
zeigen wollen, dann müssen wir die Ausstellung
bedeutend reduzieren".— so hätte diese
Erklärung vielleicht Bestürzung hervorgerufen,
aber diese mißlungene Qualitätsschau verhütet.
Weniger wäre mehr gewesen — das gilt
für Köln. Eine unheimliche Breite bewirkte
endlose Wiederholungen und erweckt nicht
den gewünschten Eindruck der Monumentalität,
sondern den des unberufenen Mitläufertums.
Diese Breite hätte vermieden werden können,
wenn man den ursprünglichen Gedanken der
Aufteilung des Materials in Materialgruppen
beibehalten hätte. Das hätte nicht nur der Jury
die Arbeit erleichtert, die ihr, wenn sie es damit
nicht überhaupt sehr leicht und obenhin nahm,
jetzt nur sehr mangelhaft gelang, und hätte
dem ernsthaften Besucher die beziehungsreichsten
Parallelen an die Hand gegeben. Aber
dieses Prinzip des Nebeneinander mit seinen
kritischen Möglichkeiten wurde durch die Auflösung
in zahlreiche Lokalgruppen in ein mehr
repräsentativ - dekoratives Nacheinander verwandelt
. Ursprünglich war als landsmannschaftliche
Sondergruppe nur das Oesterreichische
Haus vorgesehen. Und das mit gutem
Recht. Denn wir wissen und sehen es in Köln
aufs neue, daß die österreichische Bewegung
in der angewandten Kunst eine durch Tradition
und Nationalität durchaus begründete Sonderbewegung
ist, die mit der Deutschen Werkbund
-Bewegung nur die Sympathie mit den
allgemeinen Gedanken, wie Qualität, Durch-
geistigung und Organisation, verknüpft. Zudem
ist ja der Oesterreichische Werkbund eine
Gruppe für sich mit eigener Gesetzgebung. ^
544
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_30_1914/0634