http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_31_1915/0073
ADOLF VON HILDEBRAND
FIGUR VOM JOACHIM - DENKMAL IN
DER BERLINER MUSIKHOCHSCHULE
im rundplastischen Werk — ist nicht die
körperhafte Natur ins Flächenhafte übersetzt,
es ist vielmehr kubisch real wie diese. Ein
gemaltes Bildnis hat seine körperliche Wirklichkeit
nur als Bild im Rahmen, eine Büste
ist körperhaft real wie ein lebendiger Kopf.
Damit steht sie aber als ein reales Ding mitten
in der Natur, und hat als Gegenstand teil am
Zusammenhang der Natur. Wie stark dieser
Zusammenhang mit der Wirklichkeit ist, wird
sofort klar, wenn man sich überlegt, welche
Rolle beim plastischen Werk die Umgebung
spielt, in der es steht. Auch ein Bild kann
auf einem günstigeren oder ungünstigeren
Hintergrund hängen, es kann besser oder
schlechter beleuchtet sein, durch seine Nachbarschaft
in der Wirkung gesteigert oder geschwächt
werden. Aber dies sind Gradunterschiede
, die das Wesen des Kunstwerks nicht
tief berühren. Denn Licht und Luft, wodurch
den Dingen im Bilde Form und Farbe verliehen
wird, hat der Maler im Bilde so geschaffen,
wie er es brauchte; das plastische Werk dagegen
empfängt seine Modellierung durch den
Einfall des gleichen Lichtes, das auch die realen
Dinge formt. Deshalb kann es, wenn sein Umriß
sich vom Hintergrund nicht klar und rein
abhebt, als Einheit gar nicht gefaßt werden,
und wenn es nicht in dem Lichte steht, das
seinen Formen Deutlichkeit und Leben gibt,
47
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_31_1915/0073