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zu schämen gehabt hätte, und nicht als ob sie
eine Verirrung gewesen wären. Zu ihrer Zeit
mußten auch sie zum Bild geschaffen sein,
und zu Hofmanns Entwicklung gehören auch
sie, wie nur irgend Werke gehören können . . .
Heute ist Hofmann „artistischer" als je im
besten Sinn. Vielleicht behauptet jemand, dafür
seien seine Gemälde heute auch studien-
hafter als je. Ich möchte dieser Behauptung
nicht widersprechen. Ich erblicke nämlich nicht
wie viele, die Gemaltes nur auf seine Verkaufsqualitäten
hin ansehen, in der Studie etwas
Geringerwertiges. Im Gegenteil glaube ich, daß
solche „morceaux" von viel größerer Unmittelbarkeit
sind, und daß sie die Absicht des Künstlers
reiner spiegeln als sorgfältig „durchkomponierte
" und bis ins letzte Fleckchen „ausgemalte
" Bilder. Dafür zeugt z. B. Feuerbachs
„Gastmahl des Piaton": es ist, besonders in
der minutiöseren zweiten Fassung, ein Kompromiß
. Und auch von Leibis Bildern sind
nicht diejenigen die besten, an denen er über
Jahr und Tag malte, sondern jene, die ihm —
um einen burschikosen Ausdruck zu gebrauchen
— auf Anhieb gelangen.
Hofmanns hier abgebildete Frauenakte, zwei
wohlgestalte, füllig-schlanke Mädchen, die mit
rhythmischen, trotz der Varietät der Bewegung
harmonisch wirkenden Gesten hintereinander
herschreiten (Abb. S. 106), sind freilich kein
„Bild" im Sinne der alten Schule, aber jeder
Strich mehr daran, jedes Attribut, jede Folie hätte
den unvergeßlichen Eindruck einer vollkommenen
Grazie, die ungesucht und von überzeugender
Echtheit ist, zerstören müssen. Es
verhält sich ähnlich mit den drei schattenhaft
hingewischten nackten Knaben, die mit wilden
Sätzen, Tücher hoch über die Häupter schwingend
, in die Fluten des erquickenden Seebades
hasten (Abb. S. 103). Auch dieses Bild, das in
der Vereinigung gleich hitziger Bewegung und
Sonne ein Maximum von Temperament einschließt
, hätte man früher — und es werden
es manche heute noch tun — als „Bewegungsstudie
" abgetan. Vielleicht hätte man auch
von den beiden Ephebenbildern: den drei Jünglingen
an der Quelle, die mit einem kaum zu
überbietenden Geschmack in den Raum gesetzt
sind und ihn, ohne irgendwie das Gefühl
des Beengtseins zu erwecken, in schönster
L. v. HOFMANN
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DIE QUELLE
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