Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 31. Band.1915
Seite: 155
(PDF, 131 MB)
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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_31_1915/0191
lein Wahrheit. Karl Sterrer ist ein gemütvoller
, ein sehr deutscher, träumerisch, poetisch
veranlagter Maler, aber ich kann nicht finden,
daß dies an und für sich ein Fehler wäre,
den man verspotten dürfte. Oder gibt der
gut gemalte Rübenacker dem Maler dieses
Bildes das Recht, einen gut gemalten Engelreigen
zu schmähen? Ich glaube, nein.

Ich brauche wahrlich nicht zu befürchten,
daß ich in den Verdacht des Abfalls von der
Moderne kommen könnte, wenn ich mich dazu
bekenne, daß ich Karl Sterrer für eine beachtenswerte
künstlerische Persönlichkeit halte und als
solche schätze. Man mag es Launenhaftigkeit
nennen, es ist doch etwas anderes, was mich
in Karl Sterrer mehr als einen wunderlichen
Eigenbrötler altertümlich anmutender Wesensart
sehen läßt. Gewiß, Sterrer ist eine problematische
Natur, stellt sich heute wenigstens
noch als solche dar, aber sind andere junge
Künstler nicht auch problematische Naturen,
wenn auch anderer Art? — Warum will man
es ihm dann verwehren, seine Persönlichkeit
in der ihr gemäßen Weise
kundzutun, auszureifen, da man doch
die verschiedensten Weisen bei anderen
gelten läßt? Wäre Sterrer bloß
ein Durchschnittskönner, müßten seine
Bilder dem Durchschnittsverständnis
aufgeschlossen sein und dem Durchschnittsgeschmack
behagen. Dies ist
jedoch nicht der Fall. Sterrer ist gemütvoll
, aber nichtgemütlich, empfindsam
, aber nicht sentimental, und modern
, aber nicht modisch.

Im Jahre 1885 in Wien geboren,
studierte Karl Sterrer unter Professor
Delug an der Wiener Kunstakademie,
errang sich als Dreiundzwanzigjähriger
den staatlichen Rompreis und arbeitete
während dreierjahre in Italien, hauptsächlich
in Rom, Neapel und auf Capri.
Als er die Akademie verließ hatte er
die Wahl zwischen dem Naturalismus
und dem Impressionismus. Er entschloß
sich aber für den Stil. Nicht
für den malerischen Stil im modernsten
Sinn, sondern für den zeichnerischen
, die große Form bevorzugenden
Stil. Weil er mußte, weil das seinem
Wesen gemäß war. Er war von Anbeginn
mehr Zeichner als Maler und
von seinen frühen Arbeiten hat man
oft den Eindruck, daß er das Material
falsch anwendete, daß er malte, was
er in Kupfer ritzen oder auf Stein
zeichnen hätte sollen. Italien füllte ihm
die gezeichnete Form mit Farbe. Seither
sehen wir ihn um die Bewältigung des
Problems der Farbe intensiv sich mühen. Ja,
er müht sich. Ich sage das mit Betonung, weil
es ihn ehrt. Karl Sterrer, eine sehr klare, männlich
-ernste, ruhig-gelassene und lautere Natur,
ist nämlich jeglicher Struwwelpeterhaftigkeit und
allem Improvisatorischen in der Kunst abhold,
läßt sich nicht — gleich so vielen modernen
Malern — unbeabsichtigte Geschenke von der
Palette machen, erarbeitet sich jede beabsichtigte
formale und farbige Wirkung seiner Bilder.

Ihm fällt viel ein. Er hat Visionen und vergnügt
begnügt er sich damit zu gestalten, was
seine rege Einbildung ihm vorgaukelt, ohne
darnach zu fragen, ob zeitgemäß sei, ob gutgeheißen
werde, was und wie er es macht.
Das Gegenständliche, das Ausgedrückte, zur
Erscheinung Gebrachte ist bei ihm, wenn nicht
wichtiger, so doch mindestens ebenso wichtig
wie der kunsttechnische Ausdruck. Das heißt,
er schätzt den Inhalt nicht geringer als die
Form. Er ist eben kein bloßer Artist, sondern

KARL STERRER

STUDIENKOPF

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