http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_32_1915/0029
ARCH. BRUNO PAUL-BERLIN
SCHREIBTISCH IM HERRENZIMMER
MOBILMACHUNG IM KUNSTGEWERBE
Der Weltkrieg hat das deutsche Kunstgewerbe
in einer kritischen Situation überrascht.
Man braucht keinerlei prophetische Gaben, um
ziemlich sicher voraussagen zu können, daß
die Lage nach Beendigung des Krieges, mag
er gut oder schlecht ausfallen, noch kritischer
werden wird. Wir haben also alle Ursache, uns
darüber klar zu werden, wie wir dieser Zukunft
begegnen sollen, um den guten ideellen Gewinn
der modernen Bewegung zu bewahren und nach
Kräften zu vermehren.
Zunächst dürfen wir vor dem Eingeständnis
nicht zurückschrecken, daß die so jäh unterbrochene
Kölner Werkbundausstellung die
hohen Erwartungen, mit denen man ihr entgegensah
, nur zum Teil erfüllt hat. Es würde
ziemlich leicht gewesen sein, aus der Fülle
der ausgestellten Arbeiten eine große Menge
herauszulesen, die zu den gleichgültigen und
mittelmäßigen gehören, und überdies fehlte es
auch an klassischen „Gegenbeispielen" nicht,
Arbeiten, deren Dasein man überhaupt nicht
begriff. Wenn aber eine mit so großen Hoffnungen
, Mühen und Kosten unternommene
Ausstellung wie die Kölner genötigt war, den
Begriff der guten Qualität so weitherzig anzuwenden
, nur um eine reichliche Beschickung
zu ermöglichen, dann darf man wohl annehmen,
daß die Durchgeistigung der deutschen Werkarbeit
noch bei weitem nicht tief genug in die
Produktion eingedrungen ist.
Was den Beobachter der Entwicklung im
Kunstgewerbe betroffen machen müßte, das sind
im wesentlichen zwei allgemeine Merkmale des
neueren Schaffens: die Wiederkehr historischer
Stilelemente und der dekorative Schwulst.
Die Neigung zu historisieren geht ja schon
eine ganze Weile sichtbar um. Mit den eingelegten
Edelhölzern an allerlei Möbeln im
Biedermeierstil fing es an, mit dem gedrungenen
Schnitzornament, mit getriebenen Rosetten
und Spiralen von barocker Fülle ging
es fort. Daran ist nichts zu ändern, und auch
nichts zu beklagen, solange es sich eben um
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