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BRUNO PAUL-BERLIN
GARTENSAAL IM GELBEN HAUS
Ausführung der Möbel: Hermann Gerson, Berlin
am politischen und wirtschaftlichen Horizont,
eines Hasses, der unsere Wünsche und Bemühungen
um die Eroberung des Weltmarktes für die
deutsche Wertarbeit plötzlich in einem neuen
und recht wenig hoffnungsvollen Lichte erscheinen
läßt.
Wir dürfen uns nicht darüber täuschen, daß
der wirtschaftliche Neid der Nachbarn, der
so plötzlich in politischen Haß umgeschlagen
ist, die friedlichen Aussichten für unseren
Wettbewerb auf dem Weltmarkt gerade mit
geschmacklich veredelten Arbeitserzeugnissen
außerordentlich beschränkt und auf eine längere
Zeit hinaus beschränken wird, ganz gleich,
ob wir in dem Kriege um unsere Existenz
siegreich bleiben oder nicht. Unterliegen wir,
was niemand von uns fürchten wird, so wird
man uns äußere Schwierigkeiten im Handelsverkehr
bereiten; siegen wir aber, so werden
wir den inneren Widerstand gegen alles, was
unser nationales Wahrzeichen trägt, erst recht
gegen uns haben.
Was also sollen wir tun? Ich glaube, wir
sollten die fröhliche Mobilmachung im Kunstgewerbe
nicht durch faule Friedensabschlüsse
stören, sondern nun mit doppelter Energie und
Zuversicht diejenigen Ausdrucksformen, die
unserer eigensten Art gemäß sind, zum Leben
bringen.
Die Wechselwirkung zwischen kriegerischem
Aufschwung und künstlerischem Schaffen eines
Volkes pflegt durchaus nicht produktiv in
höherem Sinne zu sein. Wir wissen aus der
Geschichte des deutschen Geschmackes, daß
beispielsweise nach 1871 die schon vordem
begonnene Periode der sinkenden schöpferischen
Fähigkeiten auf unserem Gebiete andauerte
, daß dieGründerzeitgeradezubarbarisch
Land und Städte entstellte, daß die Sehnsucht
nach einer nationalen Wiedergeburt auch des
Kunstgewerbes in unfruchtbare Experimente
sich verlor. Das sind Erfahrungen, von denen
wir lernen sollen; und wir können von ihnen
lernen, denn wir stehen heute den mutmaßlichen
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