http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_32_1915/0073
ARCH. HERMANN MUTHESIUS
fugen noch unerträglicher zu machen weiß.
Wo aber heute noch Haustein in lagerrechten
Fugen verwendet wird, tritt schon jene schematische
Herstellung ein, nach der die Steine
einzeln im Bruch zurechtgesägt und numeriert
zum Versetzen auf den Bau geliefert werden.
Mit dieser Methode kann man nie ein natürlich
aussehendes Mauerwerk erreichen, mag
man noch so sehr dafür sorgen, daß große
und kleine Steine wechseln und sich die Fugen
versetzen. Denn sie ist für Quadermauerwerk
erfunden und für dieses auch wohlgeeignet.
Nach der alten Bruchsteintechnik richten die
Maurer unmittelbar auf dem Gerüst die Steine
so zu, wie sie zum Versetzen gerade gebraucht
werden. Erst bei dieser Arbeitsweise ergibt
sich der natürliche Charakter des lagerrechten
Bruchsteinmauerwerks. Für den Bau des Herrenhauses
in Zabitz ist eine Kolonne italienischer
Maurer herangezogen worden, die die Technik
noch wundervoll beherrschte und ein ganz ausgezeichnetes
Mauerwerk geliefert hat. Das
Haus ist in allen seinen Teilen, von unten bis
oben lediglich vom Maurer gebaut, jeder Werkstein
ist grundsätzlich vermieden. h. m.
HAUS DRYANDER: WOHNZIMMER
DEUTSCHE MODE
Die Mobilmachungstage waren kaum beendet,
da erscholl allerorten der Ruf nach einer deutschen
Mode. Der Werkbund hielt ein paar Sitzungen
ab, richtete zusammen mit Vertretern der
Konfektion etliche Ausschüsse ein, um mittels
einer Zentralinstanz ein einheitliches Vorgehen zu
sichern.
Dieses Verlangen nach einer deutschen Mode
entstand bei den einen aus der Erwägung heraus,
daß von Paris jetzt nichts mehr zu holen sei. Wir
wären also aufgeschmissen, folglich . . . Eine Partei,
von der für eine zukünftige deutsche Mode so gut
wie nichts zu erwarten ist, denn morgen, übermorgen
, wenn der Frieden geschlossen ist, wenn
sie sich also nicht mehr „aufgeschmissen" fühlen,
ist keine rechte Gewähr mehr, daß sie für die
Idee der deutschen Mode weitere Opfer an Zeit, an
Geld, an Kraft zu bringen geneigt sind.
Die größere Zahl der Rufer aber war von
dieser Idee selbst erfüllt. Man wollte auch
in diesen Modedingen frei von den Fremden, selbständig
, vielleicht gar führend werden. Man begann
sich der Abhängigkeit zu schämen, man fühlte auf
einmal die Albernheit, sich selbst nie den Geschmack
und die Fähigkeit zugetraut zu haben. Aus den
Kreisen der Frauen, die für deutsche Kleider bisher
kein Geld ausgeben wollten, erstand mit einem
Mal der Wille zur deutschen Mode.
Also müssen wir sie schaffen! Es ist jetzt nicht
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