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die Frage, ob das uns gelingen wird. Es muß uns
gelingen und deshalb wird es auch gelingen.
Deshalb aber auch keine Uebertreibungen. Mit
Redensarten, mit wortreichen Versammlungen, mit
hübsch bezeichnetem Papier ist gar nichts getan.
Wir müssen uns die Augen klar halten für die
Schwierigkeiten, die auf diesem äußerst heiklen
Gebiet zu überwinden sein werden.
Gar keine Schwierigkeit bereitet die Frage, ob
wir das genügende Maß von Phantasie aufzubringen
vermöchten. Im Gegenteil. Wer ein bißchen
Bescheid weiß über die seither in Deutschland
gemachten Versuche, zu Kleidern zu kommen, die
nicht nach Pariser Modellen gefertigt waren, wird
nicht bestreiten, daß alle diese Bemühungen gerade
deshalb zur Groteske ausgeartet sind, weil jeder
angebliche Künstler und jede Kunstgewerblerin vernarrt
war, uns Ideenfülle bis zur Bewußtlosigkeit
vorzumimen. Ich brauche nur das Wort „Eigenkleid
" hierherzusetzen, um an die Schrecknisse zu
erinnern, die uns blühen könnten.
Solcher Individualismus ist das Gegenteil von
■ *!
ARCH. HERMANN MUTHESIUS
all dem, was man Mode heißt. Auch sie ist ein Stück
Synthese, sie verkörpert einen Allgemeingeschmack.
Sie kann daher auch nur entstehen aus dem Trieb
nach einem allgemeinen Geschmacksideal, und nur
geschaffen werden von denen, die, alle persönliche
Eitelkeit beiseite lassend, dieser allgemein gefälligen
Linie zustreben. Es kann auf Reklameplakaten, aber
nicht auf Rocksäumen Künstlernamen geben . . .
Auch von anderen Theoretikern, männlichen
wie weiblichen, ist kaum etwas zu erwarten. Kein
Gebiet ist so sehr Praxis wie das der Mode, auf
keinem haben die Ideologen aller Art mehr Lächerlichkeiten
zutage gefördert.
Es ist zunächst daran zu denken, daß die Mode,
die zu machen ist, eine Weltmode werden muß.
Nicht nur, damit die Deutschen auch späterhin,
ohne Aufsehen zu erregen, sich im Ausland und
an den Treffpunkten der internationalen Welt bewegen
können, sondern noch mehr im Interesse
unserer sehr großen Konfektions-Exportindustrie,
die, nähme man ihr die ausländischen Absatzgebiete
, unweigerlich zu einem Feind dieser Bestrebungen
werden müßte. Es
ist weiter zu bedenken, daß
die Schöpfung und Lancierung
einer Mode ein Zusammenarbeiten
von zahllosen
Köpfen, zahllosen Interessenten
voraussetzt, daß ganz
neue Hilfsindustrien geschaffen
oder auf diese Bestrebungen
hin umgewandelt
werden müssen, daß es
einen Ortgeben muß, wo alle
die Häuser, die Modelle machen
, diese Dinge bereit finden
und wohin jeder, der
derlei Erzeugnisse anzubieten
hat, sein Angebot zu richten
weiß. Schließlich fehlen
uns auch die gesellschaftlichen
Mittelpunkte großen
Stiles, wo neue Moden „kreiert
" werden können.
Die Meinung, die in einigen
Frauenblättchen jetzt
breit ausgewalzt wird, daß
wir ausgehen müßten von
dem Kleid, das sich für die
Mittelstandsfrau frommt, ist
natürlich Weisheit von der
Sorte des Reformkleides unseligen
Angedenkens. Das
widerspräche dem Urgesetz
der Mode, nach dem das
Bürgertum immer das angenommen
hat, was die ganz
Schönen, ganz Reichen und
ganz Eleganten ihm vorgetragen
haben. Für die nächste
und übernächste Saison
kämen wir ja auch ohne das
aus; aber wir müssen, wenn
diese Bestrebungen einen
Sinn haben sollen, an 1920
und 30 denken.
Darum heißt es jetzt auf
einen Dauererfolg hinarbeiten
und organisieren, oder
deutsch ausgedrückt: arbeiten
und zusammenarbeiten!
HAUS DRYANDER; HALLE PAUL WESTHEIM
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