http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_32_1915/0082
begeistern. Die lugen aus einem sehr begreiflichen
Instinkt heraus immer hinein in die
Städte, nach dem, was ihnen da augenblicklich
als das Neueste und Großartigste angeboten
wird. Und in den Städten ist eben jener Mittelstand
von Schwarmgeistern, der garnicht anders
leben kann, als täglich auf der Untergrundbahn
über jede Minute unnötige Aufenthaltszeit zu
stöhnen und gleichzeitig von der Eichendorff-
schen Postkutsche als einem entschwundenen
Ideal zu träumen. Vor zwanzig Jahren, dessen
weiß ich mich noch sehr wohl zu entsinnen,
als die hübschen Lauschaer Glastiere für ein
paar Pfennige zu haben waren, gehörten sie bei
uns im Werratal zu den Spielereien, die die
Dienstmädchen von den Kirmessen mit heimbrachten
. So wenig machte man sich daraus,
daß ein Glasbläser nach dem anderen die Pfeife
weglegen mußte. Jetzt, wo Wertheim in Berlin
sie zu lancieren angefangen hat, wo man für
solchen Hirsch, solch Reh oder solchen Hund
zwanzig bis dreißig Mark ausgeben muß, scheint
es keine Birkenholzvitrine ohne sie mehr geben
zu können. Die Lederpuppen, wie die Javaner
sie sich für ihre Marionettenspiele geschnitten
haben, pflegen daneben zu stehen. Das aber
„Volkskunst" zu nennen, ist doch wahrlich eine
Blasphemie.
CHRISTIAN NEUREUTHER
STEINZE UG-GEFÄSZE
Ausführung: Wächtersbacher Steingutfabrik, Schlierbach b. Wächtersbach
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