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von Theodor Fischer in München 1907 bis
1910 errichteten Cornelianum, mit einem Zyklus
von Bildern auszustatten, welche die
Nibelungensage zum Gegenstand haben sollten
, und Schmoll von Eisenwerth mit der
Ausführung dieses schönen Planes beauftragte,
hätte er kaum eine glücklichere Wahl treffen
können. Die Aufgabe, dem herrlichsten deutschen
Heldenepos gerade auf dem Schauplatz
seiner dramatischsten Handlungen, in der alten,
sagenumwobenen Kaiserstadt Worms, im Bilde
neues Leben zu verleihen, hatte gewiß etwas
Verlockendes. Aber es läßt sich nicht leugnen
, daß einer befriedigenden Lösung erhebliche
Schwierigkeiten entgegenstanden. Der
langgestreckte, hohe Raum im Cornelianum,
mit seiner schweren Kassettendecke, mit der
braunen Holzverkleidung, die Dreiviertel der
Wände überzieht und mit seinen dunklen Tapeten
und Vorhängen, die das schräg einfallende
Seitenlicht verschlucken, bot kein sehr
günstiges Arbeitsfeld für einen Maler, der gerne
eine aufdringliche Farbengebung verschmäht.
Dazu kam, daß für die anzubringenden Gemälde
einstweilen nur ein verhältnismäßig
schmaler Streifen hoch oben an den Längswänden
vorgesehen war, der durch Einfügung
von ornamentierten Flächen gegliedert werden
mußte, um einigermaßen passende Bildformate
zu gewinnen. Denn die Beschaffenheit
des vorgeschriebenen Themas machte eine
fortlaufende friesartige Darstellung unmöglich.
Es handelte sich vielmehr darum, aus dem
Nibelungenlied einzelne, besonders packende
Szenen auszuwählen, die den gewaltigen imposanten
Stoff restlos verarbeiteten und, inhaltlich
und formal zueinander in Beziehung gebracht
, zusammen ein geschlossenes Ganzes
bildeten. Diese Bedingungen hat der Künstler
glänzend erfüllt, indem er je drei typische
Begebenheiten aus dem ersten und zweiten
Teil der Dichtung behandelte und, der Ungunst
der Lichtverhältnisse Rechnung tragend,
sich einer Tonskala bediente, die erst bei
künstlicher Beleuchtung zu voller Geltung
kommt. Dabei begnügt er sich jeweils mit
zwei, höchstens vier Figuren. Die dominierenden
Farben ihrer Gewänder sind ein intensives
Smaragdgrün und ein gedämpftes Violett
, die durch ein wenig grelles Rot verstärkt
, oder durch ein stumpfes Blau gemildert
werden. Den grauen Hintergrund belebt
ein zartes Gelb. In der Landschaft und in
den Wolkengebilden klingen die wuchtigen
Motive, welche die handelnden Personen anschlagen
, als Begleitakkorde leise aus. Den
Auftakt bildet „Brunhildens Zorn und Hagens
Tücke" (Abb. S. 103). Der grimme Tronjer
flüstert seiner beleidigten Herrin den Racheplan
ein. Noch einmal bewundern wir „Siegfrieds
Kraft", der auf der Jagd im Odenwald,
dessen Bäume in goldenem Herbstlaub prangen,
ohne Waffen, allein durch seine Muskelkraft,
einen Bären bezwingt. Doch bald liegt der stolze
Held, von feigem Mörderstahle durchbohrt,
entseelt hingestreckt, und schrill gellt die „Klage
um Siegfried", den Kriemhilde, Ute und Siegmund
beweinen, während sich in der Ferne
das Silberband des Rheins, sanft rauschend,
durch friedliche Auen schlängelt. Dieser grandiosen
Bilderserie entsprechen auf der Gegenseite
: „Hagen und Volker auf der Wacht"
vor Etzels Burg (Abb. S. 102), wohl die reizvollste
Szene der ganzen Reihe, „Hagens Fesselung
durch Dietrich von Bern" (Abb. S. 103)
und „Kriemhildens Tod" (Abb. S. 102). Neben
den abgeschlagenen Häuptern ihrer Opfer
haucht sie ihre rachedurstige Seele aus. „Es fand
in Leid sein Ende, was Liebe einst begann." —
Das letzte Gemälde, von dem wir nur den Karton
abbilden können, dessen Ausführung der
Ausbruch des Krieges unterbrochen hat, ist für
die eine Schmalwand bestimmt, wo durch Zumauern
eines überflüssigen Fensters erst der
nötige Platz geschaffen werden mußte. Es soll
in das düster blutige Drama eine festlichfreudige
Note mischen und zugleich als Introduktion
dienen. Dargestellt ist „Die erste Begegnung
zwischen Kriemhilde und Brunhilde
in Worms" (Abb. geg. S. 97). Gunther führt seiner
Schwester die durch List gewonnene Braut
zu. „Mit Züchten, fein an Sitten, die Frau
Kriemhilde ging, als sie die stolze Brunhild
und ihr Gesind' empfing." Aber die neue
Schwägerin gebärdet sich noch etwas störrischmißtrauisch
. Trefflich ist dieses Sträuben in
ihrer Haltung und deren Eindruck auf die Beteiligten
(links Siegfried und in der Mitte
Hagen) verdeutlicht. Man glaubt die Rollen
zu erraten, die sie bei der sich anspinnenden,
furchtbaren Tragödie spielen werden. Aber noch
fällt kein Schatten auf die jubelnde Festesfreude
, in der die Frauen des beiderseitigen Gefolges
aufeinander zueilen und sich umarmen.
Die Wandmalerei erfordert äußerste Sparsamkeit
in der Verwendung der Mittel. Nur
dadurch, daß sie die Formen möglichst vereinfacht
und sich mit einer geringsten Anzahl
von Farben begnügt, kann sie wahrhaft monumental
und dekorativ wirken. Allerdings
muß jede Linie sprechen und jeder Ausdruck
konzentriert sein. Meisterlich hat Schmoll von
Eisenwerth es verstanden, diese Regeln zu ergründen
und sich ihnen anzupassen. Mit Recht
darf man ihm deshalb auch fernerhin als Wandmaler
eine große Zukunft prophezeien.
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