Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 32. Band.1915
Seite: 129
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ALOIS KOLB

RADIERUNG

KUNSTLERISCHE NEUJAHRS-WUNSCHE

Von Richard Braungart

In einer Zeit, die Kultur hat (wirkliche und
nicht eingebildete oder nur angeflogene
Kultur), wird jedes Ding des Gebrauchs, gleichviel
ob es dem Luxus oder dem täglichen Bedarf
dient, ganz von selbst eine künstlerische
Form annehmen. Es ist nicht Spielerei oder
Snobismus, wenn ein Mensch von feinem
Empfinden in seiner Umgebung nur Dinge duldet
, die auch einer schärferen künstlerischen
Kritik standhalten; denn Kultur ist Harmonie,
und dieser Einklang alles dessen, was uns
umgibt und unser Leben ausmacht, ist nur
möglich, wenn jeder Mißklang in der Aufeinanderfolge
der Töne vermieden wird.

Zu jenen Dingen nun, die ein Mensch mit
ästhetischen Bedürfnissen ganz besonders gerne
von der Hand eines Künstlers gestalten läßt,
gehören die Drucksachen, die zu seinem ei-

Einige Abbildungen dieses Aufsatzes entnehmen wir einem
demnächst bei Franz Hanfstaengl, München, erscheinenden Werke
„Neue deutsche Gelegenheitsgraphik" von Richard Braungart (70 Abbildungen
in Gravüre, Farbenlichtdruek usw. in Halbpergament
gebd. M, 15.—).

genen Gebrauch oder zum Versenden bestimmt
sind. Besuchskarten kommen hier in Betracht
und mehr noch Exlibris ; und man weiß,
welch ungeheuren Umfang gerade die Produktion
künstlerischer Bibliothekzeichen , hauptsächlich
in Originaltechniken, in den letzten
zwei Jahrzehnten angenommen hat. Verschickt
werden diese Arbeiten auch, von Sammlern
nämlich, deren Zahl von Jahr zu Jahr wächst;
ihre ursprüngliche Bestimmung freilich ist es
nicht. Um so mehr ist das bei Neujahrswünschen
der Fall. Diese Blätter sind von vorneherein
zu dem Zweck geschaffen, in alle Winde
ausgesandt zu werden; und da sie dort nicht
nur ihren Auftrag ausführen, sondern auch
von dem Absender zeugen , so ist es leicht
begreiflich, daß dieser sie für ihre doppelte
Mission entsprechend auszurüsten , d. h. in
ein möglichst vorteilhaftes künstlerisches Gewand
zu kleiden bestrebt ist. Und es ist
gleichgültig, ob der Künstler selber es ist,
der seinen Wünschen ein originelles, buntes

Dekorative Kunst. XVHI. 4. Januar 1914

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