http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_32_1915/0168
alfred soder
radierung
alfred soder
radierung
Mäntelchen umhängt, oder ob ein Privatmann für
seine Wünsche bei einem Künstler solch ein
Mäntelchen bestellt: immer ist es das Bedürfnis,
dem einfachen Wunsch mit gütiger Beihilfe der
Kunst ein besseres Aussehen und mehr Nachdruck
zu geben, das Leute von Kultur veranlaßt,
in künstlerischer Form Glück zu wünschen.
Selbstverständlich ist das keine Sitte von
heute (alles Gute und
Schöne ist schon dagewesen
und alles
Schlechte freilich
auch); aber ihre Wiedererneuerung
in den
letzten Jahrzehnten
war so gründlich und
durchgreifend, daß die
moderne, deutsche,
künstlerische Neujahrskarte
wie ein
ganz neues Gebilde
ohne Vorfahren wirkt.
Und es ist auch sicherlich
etwas spezifisch
Deutsches, so viel Gemüt
und Gedankenreichtum
an eine flüchtige
Gelegenheitsarbeit
zu verschwenden,
die verhältnismäßig
wenigen zu Gesicht
kommt und ursprünglich
wirklich nur für
den Augenblick bestimmt
war. DieFreude
des Empfängers über otto blümel
das erhaltene Blatt ist dann allerdings die Ursache
, daß es der Vernichtung entgeht; und
Liebhaber und Sammler vollends haben schon
frühzeitig dafür gesorgt, daß diese köstlichen
Dokumente deutscher Künstler-Gelegenheitspoesie
Werte
Es
~3;
ßiks gut?-3um:n?.usn
nicht verloren gingen, sondern ihrem
entsprechend bewahrt wurden,
ist kein Zufall, daß die besten und
schönsten künstlerischen
Neujahrswünsche
zumeist von
Künstlern stammen,
die auch als Exlibriskünstler
zu Ansehen
gelangt sind; denn
es gehört ein feines
Gefühl für die Bedürfnisse
der Gebrauchsgraphik
dazu,
um solche Dinge gut
zu machen; und diese
wichtige Vorbedingung
trifft eben in
der Regel nur bei
Künstlern zu, die
durch das häufige Entwerfen
von Exlibris
usw. diese Fähigkeit
sich erworben beziehungsweise
zur Vollkommenheit
ausgebildet
haben. Unter diesen
Meitern des mo-
■ ■
dernen Neujahrswunsches
, dessen Haupt-
lithographie klassiker wohl Albert
130
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_32_1915/0168