http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_32_1915/0216
ARCHITEKT ALBERT GESSNER
in der Zeit der großen Prüfungen. Er hat nur
noch Sinn und Begehr für das zum Leben
Unerläßliche.
Aber über den Kriegslärm hinweg erhebt
sich schon der Ruf nach einem neuen Ostpreußen
, nach Siedelungen, in denen die aufgeschreckte
Bevölkerung ihr Leben besser
noch als bisher fortzuführen vermag. Von den
ersten Tagen der Russeneinbrüche her war
man im ganzen Reich einig, daß es keineswegs
genüge, geborstene Mauern wiederaufzurichten
und eingefallene Dächer zu flicken. Das war
schon eine Selbstverständlichkeit, daß man
planvoll siedeln müsse, daß eine der sozialen
Wohltaten, die man dieser Bevölkerung an-
gedeihen lassen möchte, eben diese die widerstreitenden
Interessen ausgleichende Planmäßigkeit
sei.
Die Ordnung, die den Nachbarn vorStörungen
durch den anders gearteten Nachbarn bewahrt
, die die Kräfte der einzelnen, die sich nebeneinander
einfinden und daher aufeinander
angewiesen sind, zu steigern und im Sinne einer
einheitlichen Wirkung fruchtbar zu machen
versteht, ist nicht die einzige, aber doch die
wesentlichste Grundlage aller Siedelungskunst.
WILHELMSHORST: TSCHIRSCHKYPLATZ
Kein Zweifel, der Städtebauer großen Stiles
besitzt noch andere Möglichkeiten der Wirkung,
es ist packender zuzusehen, was für Impulse
die starke Persönlichkeit Anlagen solcher Art
mitzugeben vermag. Aber im kleinen Raum,
wo die Dinge hart aufeinanderstoßen, ergeben
sich unzählige kleine, kniffliche Beschwernisse,
die, wenn sie nicht von einer einenden Hand
klug beseitigt worden, sich zu schlimmen und
schlimmsten Unzuträglichkeiten auswachsen
können.
Solch ordnende Hand hat die bei Berlin
jetzt imEntstehen begriffeneKolonieWilh el m s-
ho rst in Albert Gessner gefunden. Wilhelmshorst
ist so ein Beispiel von der unbändigen
Ausdehnungsgier der neuen deutschen Städte.
Bis 7 Kilometer über Potsdam hinaus strahlt
hier schon die Reichshauptstadt, wird Raum
gesucht, für die, die der Enge der Stadt überdrüssig
sind, die um ein bescheidenes Häuschen
herum ein Stück Garten, eigenen Grund und
eigenes Grün haben möchten. Von dieser
Kolonie ist, wenn man andere Unternehmungen
dieser Art kennt, die in größerem Stile und
zu einem günstigeren Zeitpunkt einzusetzen
vermochten, natürlich nur wenig zu sagen.
172
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_32_1915/0216