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Wagschale fallen, ist ja bekannt. Wenn auch
keineswegs, wie uns die Franzosen oder Engländer
glauben machen wollen, die Regierungszeit
jedes ihrer Regenten just mit einem Stilwechsel
zusammenfällt, so haben doch zweifellos starke,
kunstliebende Herrscher überall zur Entfaltung
des gerade lebenden oder aufkommenden Stiles
sehr viel beitragen können. Wichtige Feldzüge,
wie die Römerfahrten der deutschen Kaiser
oder die Kreuzzüge, spielen vom stilgeschichtlichen
Standpunkte eine große, noch lange nicht
im vollen Umfange gewürdigte Rolle, desgleichen
die Verbreitung der Buchdruckerkunst und Illustrationstechnik
, die Porzellanliebhaberei August
des Starken oder die Aufdeckung von Pompeji
und Herkulanum. —■ In dieser Beziehung
ist von dem gegenwärtigen Weltkriege nichts
zu hoffen, beziehungsweise zu befürchten. Wenn
die Zeit gerade retrospektiven Neigungen besonders
günstig wäre, hätte man darauf wetten
können, mit einer Burgunder Mode oder mit
einer Wiederbelebung der Kathedralgotik in
der Art von Reims oder Amiens beglückt zu
werden; da wir aber nicht mehr in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts leben, ist dergleichen
für die ernste Stilbildung ausgeschlossen. Die
Romanen haben uns jetzt wirklich nicht viel
zu bieten und was sie uns auch sagen könnten,
ist heutzutage — zum Unterschiede von früheren
Zeiten — längst keine Ueberraschung mehr,
zumal gerade die Deutschen die Kunst fremder
Länder vielfach schon besser kennen, als die
betreffenden Einwohner.
Als eine relative Neuheit könnte höchstens
das ethnographische russische Element in Frage
kommen; aber selbst das ist uns aus mehrfachen
großen Publikationen bereits bekannt, jedoch
für uns nur im bescheidensten Maße anziehend
und verwertbar. Uebrigens werden wir hoffentlich
nicht allzu tief in das russischste Rußland
einzurücken gezwungen sein, so daß sich der
ganze Einschlag, der von dieser Seite erwartet
werden könnte, in einigen Stickereien oder
volkstümlichen Spielsachen erschöpfen dürfte.
Das Kulturniveau, die ganzen Lebensgewohnheiten
des russischen Bauern sind von den
unsrigen doch wohl zu sehr verschieden, als
daß sie uns mehr bieten könnten, als wir auch
von unserer eigenen Volkskunst bereits aufgenommen
haben. Und der besser gestellte Russe
hat jede Selbständigkeit zugunsten westeuropäischer
Kultur längst aufgegeben, als daß er uns
als etwas Ursprüngliches interessieren könnte.
Es bleibt somit nur der Islam, der gerade
in diesem Kriege obendrein als unser Freund
in den Vordergrund tritt und voraussichtlich
zum erstenmal seit mehr als hundert Jahren
seine große Bedeutung zu betonen wissen wird.
Aber gerade die türkischen Kriegsschauplätze
sind für uns zu entlegen, als daß es wahrscheinlich
zu großen gemeinsamen Aktionen Schulter
an Schulter kommen könnte, und die muham-
medanische Kunst ist uns seit Jahrhunderten
geläufig, daß auch von dieser Seite entscheidende
neue Momente für unsere Stilbildung
nicht zu erwarten sein werden.
Nach menschlicher Voraussicht wird somit
der größte Weltkrieg, trotzdem er in die Zeit
ästhetischer Stilbildungsbestrebungen fällt, vorübergehen
, ohne die Formensprache wesentlich
zu beeinflussen. Denn daß z. B. eine
„feldgraue" Mode, die als Eintagsfliege die
Farbenwahl in der Konfektionsbranche beeinträchtigen
kann, irgend eine nennenswerte Bedeutung
auf künstlerische Farbenprobleme
nehmen könnte, wird doch gewiß im Ernste
niemand behaupten wollen. Und doch wird
gewiß die allgemeine Zeitstimmung, die auf
gewaltige Monumentalfragen eingestellt ist und
alle Geister Europas zu tiefinnerlicher Beschäftigung
mit den ernstesten Dingen gedrängt hat,
sicherlich nicht spurlos vorübergehen, sondern
auch dem künftigen Kunststil eine im Gegensatze
zur spielerisch tändelnden Rokokozeit
stehende Richtung nach ruhiger, vornehm
solider Ausdrucksform verleihen.
Und damit die liebenswürdig heitere Grazie,
die ehedem ein Erbgut Frankreichs war, aber
in dessen alterndem Antlitz schon die Runzeln
bewußter Koketterie angenommen hat, auch
zu ihrem Rechte komme, wird sich dem männlich
starken deutschen Element das sympathische
, weiche, vorwiegend weibliche Wienertum
vermählen können, das der Stilbildung schon
so viele wertvolle Dienste erwiesen und Hand
in Hand mit dem hauptsächlich konstruktiv denkenden
deutschen Organisationstalent zu den
glücklichsten Leistungen berufen sein kann.
„Wo das Strenge mit dem Zarten, wo Starkes
sich und Mildes paarten, da gibt es einen
guten Klang."
Ein guter Klang soll uns willkommen sein,
wenn erst die Friedensglocken der allgemeinen
Kulturarbeit wieder zu ihrem Rechte verholfen
haben werden. Innerlich gekräftigt mit gehobenem
Selbstbewußtsein, in den Augen der Welt
als die ersten Kulturträger anerkannt, wollen
wir „Barbaren" nebst gediegenster Arbeit auch
die jetzt vielfach unterdrückte schöpferische
Phantasie zu den höchsten Leistungen anspornen
, um das bisher schon gegebene Versprechen,
der Menschheit einen guten und entwicklungsfähigen
Kunststil zu schenken, erfolgreich durchzuführen
. Auf diesem Gebiete sollen unsere
stolzesten Eroberungen liegen.
Gustav E. pazaurek-Stuttgart
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