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O. RIEMERSCHMID-MÜNCHEN
LANDHAUS BUCHREUT: AUSSICHT VOM HOF AUF CHIEMSEE UND GEBIRGE
LANDHAUS „BUCHREUT"
ERBAUT VON OTTO RIEMERSCHMID
Die wundervolle Landschaft des Chiemsees
mit ihrem reichen Wechsel von Wasser
und weitem Horizont, von Bergperspektive,
üppigem Baumbestand und bewegten Ufergründen
verpflichtet den Baukünstler, der in
diese gesegnete Natur ein Landhaus hineinstellen
soll, zur Anspannung seiner besten
Kräfte. Nirgends ist es leichter, sozusagen
„landschaftlich" zu bauen, aber nirgends auch
springt ein Verstoß gegen die Idee, ein Haus
organisch aus der Landschaft herauswachsen
zu lassen, deutlicher in die Augen als hier. . .
Leider gab es vor noch nicht allzulanger Zeit
unbesorgte Baumeister genug — und es gibt
ihrer noch heute —, die ein Landhaus auf dem
Reißbrett aufzeichneten und es mit dem „Bau
an sich" genug sein ließen, die nicht darauf
acht hatten, ob ihr Projekt in der Ebene oder
im Gebirg, an einem See oder vor einer Wiese,
im Park oder auf einem sonnigen Hügel zum
Dasein erstehe. Sie fingen nicht in feinsinniger
Erkenntnis die Massen und Linien der
Landschaft ein und setzten sie in Beziehung
zu ihrem Bauwerk, ordneten ihre Schöpfung
nicht der größeren Schöpfung unter, sondern
planten und bauten drauflos, als ob außerhalb des
eigenen Hauses nichts anderes mehr auf der Welt
wäre. Solchen zweifelhaften Leistungen begegnet
man leider auch am Chiemsee, doch ist es dort
im letzten Jahrzehnt mit dem geschmackvollen
Bauen immerhin vorwärts gegangen, und die
schönen architektonischen Schöpfungen Otto
Riemerschmids am Chiemsee müssen in diesem
Zusammenhang besonders hervorgehoben
werden.
Der jüngste Chiemsee-Bau Otto Riemerschmids
ist das Landhaus Buchreut bei Rimsting
, das in seiner Stattlichkeit und vornehmen
In-sich-Geschlossenheit den Eindruck eines
aparten Schlößchens erweckt. Der Bau erhebt
sich auf der Kuppe eines kleinen Hügels, dem
das Gelände für das Hauptgebäude und die
beiden Flügelbauten erst abgerungen werden
mußte. Die Hauptansicht ist vom See her.
Eine Terrasse, ganz von Grün umrankt und dem
Gelände eng angeschmiegt, bildet die Ueber-
leitung vom Gebäude zu der ziemlich steil gegen
Straße und Ufer abfallenden Hügelwiese. Hinter
dem Hause ragen hohe, alte Buchen, die der
Ansiedelung den Namen gaben. Vor dem satten,
saftigen Grün dieser Baumriesen erhebt sich
in leuchtendem Gelb das verputzte Gemäuer;
grüne Läden, weiße Fensterfüllungen und die
braun-violetten Ziegel der Bedachung vollenden
Dekorative Kunst. XVIII. 10. Juli 1915
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