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ERINNERUNGSTAFEL IM TREPPENHAUS
DES INSTITUTSGEBÄUDES
DER NEUE BOTANISCHE GARTEN IN MÜNCHEN
Kunst und Wissenschaft haben die denkbar
größte Verschiedenheit der Aufgaben;
die eine soll gestalten, die andere zerlegen,
die eine sucht das Wesen in der Erscheinung
, die andere die Erscheinung im Wesen
und doch sollen beide (nach Anselm Feuerbach
) der alten Dame Kultur zuliebe Arm in
Arm wandeln bis an das Ende der Dinge!
Wenn da ein Unternehmen ins Leben treten
soll, das Kunst und Wissenschaft gleichermaßen
zu dienen hat, das die Kunst in den
Dienst der Wissenschaft stellt und die Wissenschaft
zum Ausgangspunkt künstlerischer
Betätigung macht, so wird nur in seltenen
Fällen etwas daraus werden, bei dem die
beiden Erscheinungsarten der Kultur in gleicher
Weise zu ihrem Recht kommen. Die Architektur
als Dienerin der Wissenschaft hat bisher
immer nur Leistungen von relativem Wert gezeitigt
. Bei der Wissenschaft ist der Zweck zu
deutlich, das Ziel zu klar vorgezeichnet, als
daß die Kunst, deren tiefstes Wesen Freiheit
und unberechenbares Spiel der Kräfte ist, damit
konform gehen könnte. Gute, nicht allzu augenfällige
Kompromisse bedeuten da schon einen
hohen Grad der Annäherung an die äußerste
Möglichkeit des Uebereinstimmens und des
Zusammenklanges.
Bei einem botanischen Garten mit seinen
wissenschaftlichen und erzieherischen Absichten
und Zielen wird das besonders augenfällig.
Die gelehrte Arbeit des forschenden Botanikers
hat mit der farbigen Kunst des Gartenarchitekten
nur den Gegenstand gemeinsam und es ist
schwer, ein angemessenes Verhältnis des guten
Auskommens zwischen beiden zu schaffen. Daher
sind auch die meisten botanischen Gärten
im Hinblick auf die Gartenarchitektur völlig vernachlässigt
, man sieht „Systeme" und nichts
als „Systeme", und kommen dabei auch der
Professor und seine Studenten zurecht, das
Laienpublikum wird durch Gärten dieser Art
nicht recht in Fühlung gebracht mit den mannigfaltigen
Erscheinungen des Pflanzenlebens.
Dekorative Kunst. XVIII. 12. September 1915
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