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gemeinhin der Realismus seiner Bildnisse klar
und ruhig umschriebene Formen hervor, so
gelangt er schließlich mit erklärlicher, wiewohl
zunächst verblüffender Folgerichtigkeit zu der
zitternden Lebendigkeit der impressionistischen
Bildnisbüste. Das Bronzebildnis des Bildhauers
Akerberg gibt ein Beispiel. Wollte
Bleeker auf den Spuren unmittelbarer Wirklichkeit
das unausgesetzte sich-selbst-Differen-
zieren der Form bezeichnen, so mußte dem
im tiefsten Grunde auf Ruhe, Klärung und
Allgemeinheit gestimmten Mann auch solche
Nervosität der Form erreichbar sein. An dieser
Stelle setzt vielleicht auch seine Malerei ein,
in der er sich als Dilettant empfindet, die aber
gleichwohl künstlerische Bedeutung hat. Das
Musikzimmer mit der Andeutung eines Selbstbildnisses
ist ein Versuch, in dem Bleekers
Modernität — bedienen wir uns immerhin dieses
bequemen Ausdrucks — den äußersten ihr erreichbaren
Pol anrührt. Der Ausgang seines
Schaffens, der konservative plastische Geist,
scheint hier verneint; Plastik, das heißt präzise
Kubik, scheint zu Gunsten einer verhältnismäßig
modernistischen malerischen Bewegtheit
der Fläche aufgehoben.
Aber Bleeker ist Bildhauer und will — sein
Instinkt gebietet es trotz seines unbezweifel-
baren und in einigem monumental gestimmten
Malertalentes — Bildhauer sein. Er strebt zur
runden und festen und endlich zur klassischen
Form zurück. Die Bildnisbüste, als eine Aufgabe
, die einer nicht eben aufs Oeffentliche
gerichteten Kunstpflege entspricht, zwingt ihn
halb wider seinen Willen zur Nuance und zur
Psychologie. Aber von diesen Aufgaben strebt
er zu den breiteren, restlos als Ganzes erscheinenden
Formen zurück, deren eine dem
Oeffentlichen zugekehrte Plastik bedarf. Diese
Formen bildet er in der großen Figur des
Christophorus, der an einem der westlichen
Münchener Isarkais — zwischen der Maxbrücke
und der Prinzregentenbrücke — dem Wasser
zu entsteigen scheint, und in den Portallöwen
des neuen Polizeigebäudes zu München. Es
ist wahr, daß diese Figuren des Kunstgewerblichen
nicht ganz ledig sind. Allein dies Kunstgewerbliche
verschwindet hinter der vornehmen
Freiheit des Gefühls für Fragen der Situation
in der Plastik, hinter dem wirklich künstlerischen
Talent, Form innerhalb der Bedingungen
einer gegebenen Räumlichkeit zu bedenken
und darzubieten, hinter dem Talent, der
Form auch innerhalb dekorativer Aufgaben ihr
besonderes Leben zu wahren, wo andere die
Form gewerblich abplatten — kurz hinter allen
jenen künstlerischen Voraussetzungen, die zuletzt
der Genius Hildebrands in der Ueber-
lieferung Münchens befestigt hat. Sicher
sind die Löwen Bleekers unvergleichlich interessanter
durch Temperament und Oberfläche
als die akademischen Musterlöwen an
der Feldherrnhalle in München, die man der
Stadt zu schulden meinte und die nun stärker
langweilen, als das Nichts, das vorher dort
war, es je vermocht hätte.
Der entscheidende Uebergang von der intimen
Plastik zur großen, gleichsam kultischen und
darum allgemeinen Form ist in Bleekers Entwicklung
wohl die marmorne Bildnisbüste der
Gattin gewesen. In Bleekers Malerei führte
die Entwicklung von dem eleganten und verhältnismäßig
kleinen Impressionismus des Salonbilds
zu der Klassizität des Pferdebildes in
der Neuen Pinakothek, das nicht mit Unrecht
in dem Vorraum des Mareessaals aufgehängt
worden ist.
Ob die Entwicklung wirkliche zeitliche Entwicklung
ist oder ob sich die Probleme im
Durcheinander und Nebeneinander entfalten,
steht dahin; genug daß sie in solcher sachlichen
Ausdehnung vorhanden sind.
Die Kunst Bleekers scheint schließlich wieder
in ein klassisches Ideal einzumünden.
München ist der Boden für solchen Gang.
Es gibt andere Ueberwindungen — kühnere,
freiere, gewalttätigere. Ihr Ort ist nicht in
dieser Stadt, in der sich die Dinge leicht zum
Gefälligen wandeln und selbst die krassen
Neigungen der Künstler zu annehmbarer Rundung
streben. Das Herrenbildnis, das Bleeker
gemacht hat, bleibt weit von der erbitterten
Wildheit van Goghs entfernt. Seine Plastik
wird sich nie augenblicklich den erregten Forderungen
der Jungen erschließen, wiewohl er
selbst ein Junger ist und sich entschieden in
die Reihen der Neuen Münchener Secession
stellte. Stadt und Mensch sind immer im
Wesen aufeinander bezogen: so ist Bleeker
von Natur auf Ehrfurcht und Verbindlichkeit,
nicht auf Rebellion und Brüskes eingestellt,
und als er nach München ging, folgte er seinem
Schicksal. Dies ist die Relativität seiner Kunst.
Gleichwohl bezeichnet die Prägung, die auf
dieser Kunst steht, einen vollen Wert.
Endlich wieder wünscht man, daß diesem
Künstler im Umkreis die Ringe des Daseins
aufspringen und daß er reisend sehe, was die
Gotiker, die Barockmeister und endlich auch,
was die Exoten getan haben.
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