http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_33_1916/0050
anzulegen. Seinen eigenen Ideen konnte er
während der akademischen Lehrjahre nur in
den Arbeiten nachhängen, die gleichsam zur
Erholung von dem ewigen Aktzeichnen, Stu-
dienkopfmalen, Prämienkomponieren usw. auf
Ferienreisen entstanden sind. Wenn auch begreiflicherweise
noch unfrei, offenbaren sie
doch schon ein nicht alltägliches Streben, die
Dinge im Zusammenhang mit ihrer Umgebung
zu sehen, die Darstellung einer malerischen
Grundidee unterzuordnen. Sein Ausgangspunkt
ist der geschlossene Raum. In Darstellungen,
wie der eines Dorfkirchenraumes, der von
einem seitlichen Sonnenstrahl durchflutet wird,
oder einer ländlichen Schmiede, in deren rußiger
Atmosphäre das Tageslicht mit dem
Feuerschein der Esse ringt, oder etwa einer
dämmerigen Bauernstube, in der eine alte Frau
über ihrem Strickzeug eingenickt ist, interessiert
ihn das Gegenständliche weit weniger als das
Problem der Lichtführung im Innenraum. Mit
erstarkender technischer Sicherheit wendet er
sich um 1906 der Freilichtmalerei zu. Ein „An
der Mosel" betiteltes Bild zeigt drei Frauen
am Kaffeetisch in einer Laube von hellstem
Sonnenlicht umspült. Noch verrät das unvermittelte
Nebeneinander lichtester und schwerster
Töne die Uebung des Helldunkelmalers;
doch ist ein Umschwung in der allgemeinen
Auffassung unschwer zu erkennen. Das verstandesmäßige
Sehen und Nachbilden der Formen
beginnt einem verallgemeinernden Erfassen
des Eindruckes zu weichen. Das Auge stellt
sich ein auf die Unendlichkeit der in freiem
Lichte zu beobachtenden Tonabstufungen. Die
Einzelform, in hellem Lichte bald aufgelöst,
bald umgebildet, verliert für den Künstler ihre
anatomische Bedeutung, ihre richtige Wertung
im Verhältnis zum Ganzen, ihre harmonische
Eingliederung in ein abgeglichenes Gesamtbild
wird ihm zur Hauptsache. Gesteigerte Wirkungskraft
bei tunlichster Vereinfachung allen
Beiwerkes — dieser Grundsatz der Impressionisten
wird auch für ihn bestimmend.
Bei diesem inneren Läuterungsprozeß, der
sich in Paeschkes Kunst fortan in ruhiger Stetigkeit
vollzieht, kommt es dem Künstler sehr
zu statten, daß er sich in sorgsamer Schulung
eine absolute Beherrschung alles Formalen erworben
hat. Die hohen Aufgaben, die er sich
in immer steigender Schwierigkeit stellt, setzen
neben der Gabe schnellster Formerfassung eine
spielende Leichtigkeit der Hand und eine wirkungssichere
Vertrautheit mit den Ausdrucksformeln
voraus, müßte doch jedes Zuviel der
gegenständlichen Darstellung bei so reich belebten
Kompositionen, wie er sie in seinen reifen
Werken bevorzugt, von allem Anfang an das
künstlerische Interesse lahmlegen. Paeschke arbeitet
stets aufgeschlossene Bildwirkung; er verzichtet
auf ein Interessantseinwollen in Skizze,
die in gesuchter Genialität dem Beschauer oft
mehr vorspiegelt als in der Absicht oder dem
Können des Künstlers gelegen hat. Seine Arbeiten
beruhen, so sehr sie auch den Charakter
des Augenblicksbildes wahren, stets auf reiflicher
, kompositioneller Ueberlegung. Man sieht
es diesen flotten Szenen, die dem Leben unmittelbar
abgeschaut erscheinen, kaum an, daß
ihnen zumeist eine genaue, zeichnerische Studie
zugrunde liegt. Nicht jedem Schaffenden ist
es gegeben, bei Uebertragung solcher Vorarbeiten
in das abgerundete Kunstwerk, die
zumeist ein Uebersetzen in eine andere Technik
mit sich bringt, die Frische der Erstkonzeption
in gleicher Stärke zu wahren. Bei
Paeschke hat man oft die Empfindung einer
Steigerung des Ersteindrucks. Es ist ja auch
in der Natur der darzustellenden großen szenischen
Vorgänge gelegen, daß der Künstler nur
bis zu gewissen Grenzen modellmäßig arbeiten
kann. Mag die Hand noch so flink einige Einzelgruppen
festhalten, mag ein starkausgebildetes
Formengedächtnisdem Künstlerdiegroßen
Linien des Naturbildes treu bewahren, in der
Gesamtkomposition muß sich doch stets die
eigene Schöpferkraft betätigen, die dem Erschauten
erst den Stempel eigenen Geistes aufdrückt
. Was bei Paeschkes Werken so angenehm
berührt, ist die Ungezwungenheit ihres
künstlerischen Aufbaues, der die Einzelheiten
in einem festen Gefüge zusammenhält, ohne
die verstandesmäßige Struktur des Ganzen
störend durchblicken zu lassen.
Als echter Großstädter entnimmt Paeschke
in seiner reifen Zeit seine Themen mit Vorliebe
dem ruhelos pulsierenden Leben, das
ihn täglich in seiner Vaterstadt umflutet. Das
atemlose Hasten in den belebtesten Straßen
der Millionenstadt, das Auf- und Abwogen
großer Menschenmassen auf Modesportsplätzen,
das unübersehbare Gewühl bei Volksaufläufen,
das sind Vorwürfe ganz nach seinem Herzen;
und es ist erstaunlich, mit welcher Sicherheit
er sich diesen schwierigen Aufgaben gegenüber
zurechtfindet. Da führt uns eine der
ersten Radierungen dieser Art, 1910 entstanden
„Rummel in Berlin NW.", hinaus an
die Peripherie der Großstadt. Fahrendes Volk
hat auf einem öden Platze seine Buden und
Zelte aufgeschlagen und lockt mit seinen Künsten
Scharen von Schaulustigen an. Mehr noch
als durch den temperamentvoll wiedergegebenen
gegenständlichen Inhalt fesselt das Blatt durch
seine malerische Behandlung, die mit den rein
graphischen Mitteln der kalten Nadel und des
24
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/die_kunst_33_1916/0050