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gen. Wie abstrakt wirken neben diesen überaus
lebendigen Arbeiten die Naturstudien der
vorhergehenden Künstlergeneration; das waren
Studien der Form in irgend einer konstruierten
Beleuchtung, unabhängig von der tatsächlichen
Wirkung des ewig wechselnden, ewig sich ändernden
Lichtes.
Jede Kunstrichtung ist einseitig. In der Einseitigkeit
liegt ihre Stärke, ihr Stil. Die Freilichtmalerei
kann nicht wohl monumental im
höchsten Sinne sein; sie kann keine Rücksicht
auf Architektur, auf Wände nehmen. Ihr
Wert liegt in ihrer Intimität, in der Frische
und Kraft, womit der Künstler einen Natureindruck
wiedergibt. Mögen Kubisten und Futuristen
immer verächtlich die Achseln zucken,
— die Werke der Freilichtmalerei werden niemals
ihren Wert verlieren, weil sie in dem,
was sie vorstellen wollen, gediegen sind.
Ohne gediegenes Handwerk aber gibt es keine
künstlerische Schöpfung. Landenberger besitzt
diese handwerkliche Grundlage. Wer hat das
stumpfe Leuchten der menschlichen Haut im
Sonnenschein besser beobachtet, wer den zarten
Schimmer eines Auerhahn- oder Perlhuhngefieders
natürlicher wiedergegeben als
er? Wo in der neueren deutschen Kunst finden
wir nochmals so köstlich gemalte Innenräume
mit Figuren im zerstreuten, matten
Licht, wie in den Mädchenhalbakten vor dem
Spiegel oder in den Bildern aus der Diesse-
ner Kirche mit den betenden Bäuerinnen?
Und gar seine Darstellungen des Wassers! In
der Pinakothek hängt eine italienische Landschaft
Schönlebers, nebenbei bemerkt, keines
der besten Bilder dieses trefflichen Landsmannes
unseres Künstlers. Da ist das blaue
Meer wie erstarrt; der Künstler weiß: Wellen
haben diese Gestalt, sie sind gewissermaßen
mit den Händen abgetastet. Landenberger hingegen
zeigt, wie das Wasser im Sonnenschein
und Duft auf das menschliche Auge wirkt. Er
gibt nicht die absolute Form, deren Richtigkeit
er weiß, sondern die wirkliche Erscheinung,
die er im Augenblicke des Malens sieht. Das
verleiht seinen Bildern die Unmittelbarkeit.
Sie sind Beispiele reinster Malerei. Es möchte
scheinen, der Weg von dem überaus farbenempfindlichen
tiefblauen Auge des Meisters zur geschulten
Hand sei hier kürzer als bei den meisten
anderen Künstlern, und darum hätten seine
Bilder diese ganz besondere Frische. Indes täte
man Landenberger sehr unrecht, wollte man
nur seine TWaZtechnik gelten lassen. Seine
Zeichnungen mit den sorgsamen Strichlagen
und dem so anpassungsfähigen und doch so
sicheren Umrisse zeigen die gleiche Meisterschaft
wie die besten Gemälde.
*
Aber - ■ und damit kommen wir auf den
Ausgangspunkt unserer Betrachtung zurück —
nicht wegen der vollkommenen Technik der
Naturwiedergabe allein schätzen wir Landen-
bergers Schöpfungen so hoch. Wenn auch das
erste und wichtigste Maß für den Wert eines
realistischen Kunstwerkes der Grad seiner Naturfrische
ist, so wird dennoch, bei gleicher
Intensität der Anschauung, ein gut gewählter
Naturausschnitt einem beliebigen Fragment
vorzuziehen sein.
Und hier nun zeigt sich die besondere Gabe
Landenbergers, durch die er die meisten seiner
Genossen überragt.
Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts
waren eine Epoche fortgesetzten Vorwärtsstür-
mens und Vorwärtsdrängens. Selten hat die
Menschheit Zeiten erlebt, die so einseitig auf
Tätigkeit, so wenig auf Beschaulichkeit eingestellt
waren. Der Amerikanismus beherrschte
alles, auch die Kunst. Man hatte keine Muße,
ein Werk oder sich selbst ausreifen zu lassen.
Daher kommt es, daß wir aus dieser Zeit in
Literatur und bildender Kunst soviel Studien
und so wenig fertige Werke besitzen. Schwäbischer
Art ist diese Hast im Innersten zuwider
. Die Schwaben haben an der Entwicklung
der Freilichtmalerei soviel Anteil wie nur
irgend ein deutscher Volksstamm. Man darf
sagen: den größten, wenn man erwägt, daß
außer Landenberger Friedrich Keller und Zügel,
Haug und Speyer, Reiniger und Pleuer, Buttersack
und Winternitz in Schwaben geboren und
erzogen sind. Sie zeigen jedoch alle, auch im
rücksichtslosen Realismus, eine Klarheit der
Komposition und einen Hang zur Beschaulichkeit
und Geschlossenheit der Form und zugleich
zu einer schwer in Worte zu fassenden
Romantik der Stimmung, die im Gegensatz zu
den Bestrebungen der Zeit steht und den norddeutschen
Künstlern ganz fehlt. Was für die
deutsche Literatur Mörike und Hermann Hesse
bedeuten, das verkörpern in der Malerei Otto
Reiniger und Christian Landenberger.
Landenberger beseelt ein unbewußter feiner
Rhythmus, der seinen Schöpfungen die Geschlossenheit
verleiht. Man achte darauf, wie auf
dem Abendbilde vom Ammersee die badenden
Knaben im Vordergrunde mit dem Boote weiter
hinten zu einer klar umrissenen Gruppe zusammengefaßt
sind, wie der Blick sicher in die Tiefe
geleitet wird und wie zugleich durch die Gestalten
die Bildfläche rhythmisch wohlgegliedert
erscheint. Sicherlich lag dem Künstler
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