Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 33. Band.1916
Seite: 70
(PDF, 130 MB)
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ADOLF OBERLÄNDER

LIEBESORAKEL (ZEICHNUNG)

Aus den „Fliegenden Blättern"

ander, daß wir uns im zwistlosen goldenen
Zeitalter befinden. Denn man erblickt unter
Ausschluß des Störenfrieds Mensch die Tiere in
den merkwürdigsten und erfreulichsten Wechselbeziehungen
und Tätigkeiten. Die Schlange
z. B. holt für den Affen einen Apfel vom Baum
der Erkenntnis, Elefant und Tiger geben sich
ein verliebtes Stelldichein, Geier und Hennen
teilen die Rast, Katz und Maus schmausen
aus der nämlichen Schüssel, Enten kosen mit
dem Fuchs, der Löwe lechzt nicht nach Fleisch,
sondern begnügt sich als waschechter Vegetarier
mit einer Melone, und der Hase scheint
den behaglich hingestreckten Hunden Jagdgeschichten
zu erzählen: vorausgesetzt
, daß der Oberländerische
Paradies-Adam schon mit einem
Feuerrohr ausgerüstet war! Was
hier zum heiteren Spiel ward,
die Liebe zur Tierwelt, ist auf
dem Gemälde „Hühnerhof", 1910
entstanden (Abb. S. 68), der Ausgangspunkt
zu einer packenden
realistischen Schilderung, der die
zahlreichen Studienblätter zugrunde
gelegt wurden und die
über das Zeichnerische hinaus
anzieht durch starke koloristische
Qualitäten. In dem bedeutungsvollen
Bild „Der Philosoph und
die Viehherde" (Abb. S. 67), das
wie eine Paraphrase zu einem
Kapitel aus Nietzsche erscheint
(die stumpfe Masse, die „kompakte
Majorität", hört nicht auf
die Stimme des Weisen), sind
Mensch und Tier einander gegenübergestellt
als zwei Welten, und
dieses Motiv kehrt wieder im
„Verlorenen Sohn" (Abb. S. 61),
den man von tiefstem Schmerz
geschüttelt inmitten der fühllosen
Sauherde erschaut. Wundervoll
ist da die Komik in der Erscheinung
der rosig-fetten Tiere in
Beziehung gesetzt zur Tragik eines
verspielten Menschenlebens: es
ist, als ob in diesem Bild die Elemente
von Oberländers Wesen
resolut zusammengefaßt wären:
Humor und Wehmut, Satire und
Mitleid... Malerisch gehört „Der
verlorene Sohn" zu Oberländers
besten und stärksten Arbeiten,
doch steht an Kraft und Wucht
des Vortrags „Der Riese" (Abb.
geg. S. 57), eines der jüngsten
Werke des Künstlers — es entstand
1913 —, dahinter kaum zurück; es ist jenes
Bild, das den eingeschlummerten starken Mann
zeigt, der Bäume entwurzeln kann und sich
doch, wehrlos wie er durch den noch stärkeren
Schlaf gemacht ist, von kecken Zwergen
beschnuppern lassen muß. Schwindisch in
der Stimmung bekundet das Gemälde in Kolorit
und malerischem Vortrag, daß es doch
mehr als ein Menschenalter später als die
Märchenbilder Schwinds in der Schackgalerie
gemalt wurde und daß auch Oberländer von
der gewaltigen Umwälzung in unserer Anschauung
von den Aufgaben der Malerei nicht
unberührt geblieben ist.

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