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WELTKRIEG UND BILDNISPLASTIK
Von Berthold Haendcke
Eine mit fast mathematischer Sicherheit
vorauszusagende künstlerische Folgeerscheinung
des Weltkrieges wird für unser
Vaterland eine Blüte der Bildnisplastik sein;
denn in allen künstlerisch entwickelten Zeiten,
in denen die Völker in ihren einzelnen Persönlichkeiten
mit deren gesamtem Können
vom Schicksal zum Kampfe gezwungen worden
sind, hat sich der Wille geregt, diese
Menschen einzeln nach ihrem individuellcharakteristischen
Wesen zu erfassen. Ganz
besonders in Deutschland. Denn die germanischen
Völker haben seit der Entfaltung
eines höheren Kunstvermögens stets und zuerst
das scharfe Auge für die charakteristische
Erscheinungsform der einzelnen Individuen
besessen. In den Niederlanden und im Deutschland
des 15. und 16. Jahrhunderts sind die
ersten Meisterwerke der Bildniskunst, allerdings
der Masse nach als Malerei, geschaffen.
In jenen Zeiten riefen vor allem die Fragen
des geistigen Ringens die Persönlichkeit auf
den Kampfboden des Lebens. Damals, im
16. Jahrhundert hieß es, in den Landen diesseits
der Alpen seinen Mann als geistigen
Kämpen stellen; denn die mächtigsten Stützen
der geistig-religiösen Weltordnung, die durch
rund 15 Jahrhunderte aufgebaut waren, schienen
zu zerbrechen. —
Eine schier unübersehbare Menge von Bildnissen
im späteren 16. und 17. Jahrhundert
zeugt davon, daß auch diesmal die bildende
Kunst den Nerv des Lebens zu fassen verstanden
hatte, wenngleich oft mit wenig
sicherer Hand.
Und wie wird in unserer Zeit die Bildnisplastik
sich darstellen, wenn die Künstler dem
„Volke in Waffen" in Herz und Kopf so tief
geschaut haben, daß sie Art und Wesen mit
festen Formen zu umkleiden vermögen? —
Das ganze deutsche Volk wird vornehmlich
eine Schilderung der großen Heerführer wünschen
; in diesen eine Verdolmetschung des
Krieges verlangen, den Millionen durchkämpfen
und, wie wir erwarten, durch einen ruhmreichen
Frieden besiegeln.
In welcher Gestalt wird unser Volk seine
leitenden Führer dargestellt sehen wollen?
Es ist ohne weiteres klar, daß hier die Gefahr
einer Heroisierung heraufbeschworen
werden kann. Ich sage, die Gefahr, denn —
um ein Beispiel zu geben — ein deutscher
Kaiser in antikisierender Halbnacktheit, wie
Kaiser Friedrich III. in Bremen von Tuaillon
gemeißelt ist, erscheint mir trotz aller im
engeren Wortsinne künstlerischer Vorzüge als
eine Entgleisung für einen neuzeitlichen Bildner
aus germanischem Blute. Diese Auffassung
entstammt dem romanischen Kunstgeiste und
wird hoffentlich in deutschen Landen nicht
wieder in monumentalen Bildwerken verkörpert
werden.
Wesentlich anders steht die Forderung nach
heroisch-symbolischer Fassung, wie sie, meiner
Ansicht nach, auch heute noch am vollendetsten
Lederer in seinem Bismarckdenkmal
zu Hamburg geboten hat. Wie bei der jeweiligen
Aufgabe ein solches Ziel erreicht
werden kann, muß selbstverständlich dem
Genius des einzelnen Bildners überlassen
werden. In vielen Fällen wird in gut deutschem
Sinne die einfache Bildnisstatue verlangt
werden. Hier entsteht von neuem eine recht
erhebliche Schwierigkeit. Die weit ausgedehnten
Schlachten unserer Tage schalten so
sehr die Gestalt des Feldherrn aus, und stellen
so bezwingend die geistigen und seelischen
Energien in den Vordergrund, daß Arme
und Beine, wenn ich mich so ausdrücken darf,
eigentlich fortfallen, der Kopf die Figur gänzlich
überwältigt, schier beseitigt. Ja, es wird
im Durchschnitt bei der B'üdnisstatue unserer
volkstümlichen Generale kaum über eine gute
Atelierhaltung herauszukommen sein. Gewiß,
immer wieder werden die Künstler auch die
Bildnisstatue als Standbild wie als Reiterbildnis
zu schaffen versuchen, und in dem
Gesamtbilde, das Moment des Sieghaften aus
dem Charakter der Zeit zu verdolmetschen begehren
; aber dann werden wir wieder mehr oder
weniger zu jenen Bildnissen von symbolischem
Grundcharakter gelangen. Im allgemeinen darf
man, meiner Ansicht nach, sagen: Die „Studierstube
" des Feldmarschalls nimmt die Stelle
des Kampfrosses ein. Geistig-seelische Kräfte
bezwangen vorab die Feinde. Diese müssen
in ihrer individuellen Eigenart in den Widerschein
des Lebens für alle Volksgenossen,
für alle Tage heraufgeführt werden, wenn die
körperliche Erscheinung jener Männer des
Sieges von Künstlerhänden der Zukunft geschenkt
wird. Aber wir, die Mitlebenden
und auch unsere Nachkommen wollen noch
mehr! Wir ersehnen das Große, was jene
mit starkem Können vollbrachten, immer wieder
von neuem zu erleben. Deshalb meine
Die Kunst für Alle XXXI.
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