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bekommen und daß er ihn persönlich kennen
gelernt hat. Blechen gehörte nämlich in den
dreißiger Jahren zu den angesehensten Männern
des Berliner Kunstlebens, ganz abgesehen
davon, daß er als Lehrer an der Akademie tätig
war. Im Hause des Kunsthändlers Sachse, dem
Menzel nicht nur geschäftlich nahestand, ging
Blechen aus und ein. Bilder Blechens waren
auf allen Berliner Ausstellungen zu sehen.
Wie hoch man aber den Einfluß Blechens auf
Menzel einschätzen mag, so geht man doch fehl,
wenn man in ihm mehr als einen vermittelnden
Einfluß sieht. Dahl ist, nach der Natur, der
Hauptquell, aus dem der junge Maler Menzel
seine Anregung geschöpft hat. Blechen selbst ist
ohne Dahl undenkbar; er übertrifft zwar seinen
Lehrer als Darsteller des Lichtes, Dahl steht
aber über ihm als Persönlichkeit und als Maler.
Zu Berlin und zu Berliner Familien unterhielt
Dahl rege Beziehungen, im Künstlerverein war
er ein oft und gern gesehener Gast. Auf mehreren
Berliner Ausstellungen waren Dahl und
Blechen gleichzeitig vertreten. Menzel hätte die
Räume der akademischen Ausstellung und des
Kunstsalons von Sachse mit verbundenen Augen
durchwandern müssen, wenn ihm nicht Werke
Dahls hätten auffallen sollen; er hätte außerhalb
des Berliner Kunstlebens stehen müssen,
wenn er nicht reichlich Gelegenheit gefunden
hätte, Dahl selbst näher zu treten. Ja, es ist
anzunehmen, daß Menzel „Meister Dahl", nach
dem Beispiele Blechens und anderer Berliner
Maler, in Dresden aufgesucht hat*).
Die künftige Menzelforschung wird sich eingehend
mit dem Problem „Dahl" auseinanderzusetzen
haben: soviel ist gewiß, daß sie das
Kapitel über den jungen Menzel mit Dahl beginnen
wird. Es waren insbesondere die Naturstudien
, in denen Dahl ohne Rücksicht auf die
Kritik und auf die Möglichkeit eines Verkaufs
seinen Gefühlen und malerischen Empfindungen
freien Lauf gelassen hatte, die Menzel zu einer
Quelle der Belehrung und Anregung wurden.
Oelskizzen wie der gestikulierende, vom Rücken
gesehene alte Mann von 1821 (Abb. S. 97), das
Stadtbild mit dem Turm von 1830 (Abb. S.92),
oder die Gewitterwolke von 1834 mit der hohen
Pappel (Abb. S. 93), stammen von Dahl, könnten
aber, wären sie zehn bis zwanzig Jahre später
entstanden, ebensogut von Menzel gemalt sein.
Bei Dahls Studien begegnen wir bereits den Motiven
, die man als „neu" für Menzel in Anspruch
genommen hat; die Werke des intimen
Dahl zeigen genau die Verbindung von starker
Naturstimmung und breiter, flüssiger Mahveise,
wie sie für den jungen Menzel so bezeichnend;
Dahls Skizzen und Studien offenbaren endlich
in der Behandlung des Lichtes die gleiche kühne
*) Vgl. meine Ausführungen in „Karl Blechen, sein Leben und
sein Werk") Berlin, B. Cassirer, 1911, i>. 16 ff. und S. 134 ff.
DRESDEN NACH DEM REGEN (1830)
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