Augustinermuseum Freiburg i. Br., [ohne Signatur]
Die Kunst: Monatshefte für freie und angewandte Kunst
München, 33. Band.1916
Seite: 122
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eines Programms als in diesem Zeitraum. Dabei
fehlte ihr die innere Beweglichkeit, die
Mannigfaltigkeit der Individualitäten keineswegs
, sie war in keine Uniform gesteckt (in
dem Sinne wie etwa die Präraffaeliten oder die
Schule der Boys of Glasgow, der schottischen
Landschafter), aber sie war trotzdem so
etwas wie eine „Marke" — eine ausgezeichnete,
erlesene „Marke". Das Gemeinsame hat seinen
Grund darin, daß die tüchtigsten in diesem
Zeitraum aufsteigenden Künstlerpersönlichkeiten
Kämpfer und Ueberwinder waren.
Sie kämpften den Kampf gegen die Nachhut
des Peter von Cornelius und gegen die dürre Kartonmalerei
, sie kämpften gegen die historische
Philosophiehaftigkeit Wilhelm von Kaulbachs,
und Carl von Piloty erwuchs eine erbitterte
Gegnerschaft aus seiner eigenen Schule heraus
— eine Gegnerschaft seiner künstlerischen
Richtung mit ihrer bunten Monumentalität und
inneren Unaufrichtigkeit, nicht eine Gegnerschaft
des wohlwollenden Lehrers und anregenden
Menschen. Diesen Kampf führten Männer
wie Moritz von Schwind und Viktor Müller
an; schließlich konzentrierte sich aller Widerspruch
in einigen „Kreisen" und in den Schulen
und Klassen der „modernen" Lehrer ander Akademie
. Viktor Müller scharte Thoma,Scholderer,
Sattler, Eysen, Haider, Leibi, Schider um sich,
auch Böcklin stand während seines Münchner
Aufenthalts diesem Zirkel nahe und Bayersdorfer
war der literarische Herold der Schar, die Thoma
in seinen Erinnerungen scherzhafterweise die
erste Münchner „Secession" nennt. Im Jahre
1871 schloß sich um Wilhelm Leibis starke
Persönlichkeit ein ähnlicher Kreis zusammen:
Trübner war der Getreueste dieses Heerhaufens,
Sperl, Alt, Schuch, Schider, Haider kamen dazu
und Hagemeister ist einer der letzten Ausläufer
dieser Gemeinschaft, die zwar nur wenige Jahre
währte, aber die bedeutungsvollsten deutschen
Malerfreundschaften des 19. Jahrhunderts bewirkte
. Im Jahre 1870 war Wilhelm Diez an
die Akademie als Lehrer berufen worden: aus
seiner Schule, die ein richtiger „Geniekasten"
war und eine Brutanstalt des Widerspruchsgeistes
gegen den akademischen Zopf, sind die
Männer hervorgegangen, deren Schaffen der
Malerei des Jahrzehnts 1870—1880 Sinn und
Richtung gab: in der Diez-Schule muß man
auch die Keime zu der Trennung der Münchner
Künstlerschaft um 1890 suchen.

Doch noch war es nicht so weit! Bei Piloty
arbeitetenum 1860 Gabriel Max, Lenbach, Gysis,
Defregger, M. Schmid, Makart, auch Leibi und
Oberländer waren kurze Zeit Pilotys Schüler.
Aus Rambergs Atelier wuchsen Ludwig v. Hagn
und der junge Albert v. Keller hervor, bei Lindenschmitt
stand ein Kreis begabter Adepten, bei Diez
lernten ErnstZimmermann, Schultheiß,Stauffer-
Bern, Ludwig Herterich, Wilhelm Dürr, Spring,
Breling, Thedy, Peterssen, Correggio, Hierl-
Deronco, Weiser, Erdelt, Holmberg, um nur
einige der bekanntesten zu nennen, zu denen
sich als später Nachzügler Slevogt gesellt, wie
andererseits Habermann den bizarren Ausklang
der Piloty-Schule darstellt. In der Stille malte
der Autodidakt Spitzweg, und um Lier scharte
sich das Siebengestirn seiner Schüler, die Begründer
des deutschen „Paysage intime".

So etwa sah es bei der Münchner Malerei
in den zwanzig Jahren aus, die von der Ausstellung
bei Heinemann berührt werden. Natürlich
schauten auch aus der abgeklungenen Zeit
noch Ueberbleibsel in diese Tage herein: Peter
Heß mit seinen in weitem landschaftlichem Rahmen
gefaßten Griechengeschichten, die Landschafter
Rottmann, Teichlein, Bamberger, der
Tiermaler Voltz u. a. Auch berühmte Gäste
gab es in München, die ihre Spuren hinterließen
, so Rahl, der allerdings schon in den
fünfziger Jahren in München auftauchte und
namentlich auf den jungen Feuerbach Einfluß
gewann, Marees, der von 1856—1864 in München
arbeitete, Böcklin, der von 1857—1860
und wieder von 1871 —1874 in München lebte,
schließlich wäre am Ende des Zeitraums noch
Max Liebermanns zu gedenken, der 1878 nach
München kam, hier seinen „ZwölfjährigenJesus
im Tempel" malte und erst 1884 sein Zelt an
der Isar abbrach, um nach Berlin zu übersiedeln
.

Die äußeren Bedingungen künstlerischen
Schaffens waren in dieser Zeit in München
ausgezeichnet. München war eine Künstlerstadt
im besten Sinn — eine anregende Tradition
war da, künstlerische Atmosphäre und
das aufrichtige Interesse der gebildeten Schichten
der Bürgerschaft, die sich umsomehr für
die Künstlerschaft begeisterten, als es sich bei
den Künstlern nicht durchaus um Zugewanderte
handelte, sondern um eine Körperschaft,
die mit bajuwarischen Elementen stark durchsetzt
war. Das Mäzenat Ludwig I. wirkte in
seinen letzten Ausstrahlungen in diese Periode
herein, Graf Schack begann seine unvergleichliche
Sammlung zusammenzustellen und knüpfte
dabei auch mit der Münchner Künstlerschaft
nahe Beziehungen an, zugleich bewirkte er Anregungen
, die von draußen, von Böcklin, Feuerbach
, besonders aber von den durch ausgezeichnete
Kopien den Münchnern vermittelten
altitalienischen Meistern ausgingen. Im Jahre
1869 wurde unter lebhafter Teilnahme der
Münchner Gesellschaft die Internationale Ausstellung
im Glaspalast eröffnet. Lier hatte in

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