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W. LEIBL FRAU GENTZ
Ausstellung der Galerie Heinemann, München. — Mit Gen. d. Phot. Gesellschaft, Berlin
jede auf den Titel „Meisterwerk" Anspruch
erhebt. Man übersah, in die Mitte all dieser
Zeugnisse einer vergangenen, aber doch noch
unheimlich lebendigen Welt versetzt, leicht
den Wert des Einzelwerks. Diese Ausstellung
sprach zunächst zu stark als Ganzes, als Anregerin
, als Erweckerin von Erinnerungen, erst
allmählich und bei wiederholtem Besuch fand
man den Weg zum Einzelkunstwerk und erwählte
sich seine „Lieblinge".
Da war besonders ein Gemälde Leibls, das
den Beschauer gefangen nahm, keines der vielgesehenen
, durch alle retrospektiven und kollektiven
Ausstellungen gehetztes und im Kunsthandel
von Hand zu Hand gegangenen Bilder
Leibis, sondern eine feine, fast unbekannte
Kostbarkeit. Es handelt sich um das Porträt
der Frau Gentz (Abb. S. 128), die in der zweiten
Hälfte der sechziger Jahre Leibis Hauswirtin
in München war. Der Sohn der Porträtierten,
Magistratsrat Gentz, hat das Bildnis der Stadtgemeinde
München geschenkt und diese lieh
ihren stolzen Besitz entgegenkommender Weise
zur Ausstellung. Das Porträt ist ein typischer
Leibi der Frühzeit; außerordentlich fein studiert,
in hohem Grade sachlich, in der Technik von jenem
weichen, vertriebenen Auftrag der Farbe,
der namentlich beim Inkarnat wundervoll wirkt.
Ein Greisenkopf von Karl Mayr-Graz (Abb.
S. 132) verblüffte durch die Aehnlichkeit mit dieser
Technik Leibis, auch hier dieses Modellieren
der Farbe, dieses flüssige Ineinanderschummern
mit der erstaunlichen Wirkung, daß in dem Altmännerantlitz
gleichsam die Poren wahrnehm-
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